Kultur : Eine überirdische Liebe

Traumspiel: Alexander Sokurows „Vater und Sohn“ ist eine Elegie auf das Abschiednehmen

Julian Hanich

Sicher, man könnte versuchen, die Handlungsfetzen dieses Films zusammenzuklauben. Man könnte erwähnen, dass ein Vater mit seinem Sohn ein Dachgeschoss bewohnt, wo er von jungen Männern Besuch bekommt. Man könnte darauf hinweisen, dass der Vater, ein ehemaliger Offizier, einmal seinem Sohn, der Soldat ist, in die Kaserne folgt. Und man könnte hinzufügen, dass der Sohn anfangs von seiner Freundin verlassen wird. Aber welchen Sinn hätte es, einen Plot zu suchen in einem Film, der viel eher verschlüsselte Poesie und symbolistisches Gemälde sein will als eine Erzählung mit Einführung, Hauptteil und Schluss?

Vater und Sohn verbindet eine tiefe Zuneigung, die ans Inzestuöse grenzt. Man ahnt, dass der Abschied, die Trennung, das Ende ihre Beziehung überschattet. Der Vater, Anfang vierzig, geht dem Tod entgegen. Seine Lunge wurde verletzt im Krieg (gegen die Tschetschenen?). Der Sohn, noch jung, wird sich ins eigene Leben wagen müssen. Der Film beginnt mit einem Körperknäuel aus nacktem Fleisch: Vater und Sohn innig verbunden. Am Ende sitzt der Vater auf dem Dach. Alleine. Dazwischen immer wieder Momente, in denen sich die beiden Auge in Auge gegenüberstehen, sich abtasten mit Blicken und Berührungen. Zwei schöne Männer. Zwei muskulöse Körper. Überirdisch scheint ihre Liebe. Ein deutlich religiöser Unterton: Einer Pietà gleich hält der Vater seinen Sohn im Arm. Er trägt ihn auf den Schultern, wie es der Heilige Christophorus mit dem Christuskind tat.

Alexander Sokurow, der bedeutendste russische Regisseur unserer Zeit, ist ein Enigmatiker. Seine Filme sind ebenso schön wie verrätselt. „Vater und Sohn“ bildet da keine Ausnahme – eine vieldeutige Elegie, ein komplexes Bildgedicht. Nach dem Meisterwerk „Mutter und Sohn“ (1997) stellt dieser Film den zweiten Teil einer Trilogie über die Familie dar, die mit „Zwei Brüder und eine Schwester“ ihren Abschluss finden soll.

Von Anfang an liegt ein rauchiger Schleier, ein sfumato, über den Bildern wie in Leonardos Gemälden. Sonnenlicht flutet seitlich in die Räume, alles ist getränkt mit einem Stich ins Gelbe. Und wie in vielen Filmen Sokurows gibt es auch hier die verzerrten Bilder, optisch manipuliert. Eine irreale Welt. Als wollte Sokurow ein stabiles Gefühl für Zeit untergraben, zieht er Gegenwart und Vergangenheit zusammen. Und durchsetzt seinen Film mit Anachronismen – in der Kleidung, der Ausstattung, der Musik.

Traumsequenzen und Erinnerungen schwimmen wie Treibgut auf dem Strom der Bilder, der ruhig und wehmütig dahinfließt. Zudem erschwert Sokurow die Orientierung im Raum, weil er sich Dinge erlaubt, auf die im klassischen Erzählkino die Höchststrafe steht: Achsensprünge; das Fehlen von establishing shots; Blicke, die nicht durch passende Gegenschnitte aufgefangen werden.

Sicher, man kann diesen Film beschreiben. Aber wer ihn nicht gesehen hat, weiß nichts über ihn. 24 Bilder pro Sekunde sagen mehr als tausend Worte. Man kann sich im Labyrinth dieser Bilder auf eine unendliche Bedeutungssuche begeben und dabei verloren gehen. Oder sich hineinwagen in eine Filmwelt, in der endgültige Antworten nicht zu haben sind. Dafür sind Sokurows Werke zu hermetisch. Oder zu offen. Was sie bedeuten? „Nicht alle Fragen haben Antworten“, erklärt der Vater dem Sohn.

Moviemento, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos (alle OmU)

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