Kultur : Eine unbestimmte Sehnsucht

ELFI KREIS

Erotisches Bauhaus und eisgekühlte Mystik: Tschechische Fotografie in BerlinVON ELFI KREISZusammengekauert kniet eine junge Frau im Becken eines Groß-Waschraums.Sie läßt Wasser über ihren Körper rieseln.Das Schwarzweiß-Foto hat nichts Erotisches.Sachlich dokumentiert es einen Ausschnitt des Alltags im "Frauengefängnis in Pardubice".Man muß den Titel von Jind«rich «Streits Bildserie nicht kennen, um zu erkennenwas die Aufnahme vor allem signalisiert: Einsamkeit, eine unbestimmte Sehnsucht nach Berührung, nach einem körperlichen Gefühl. Eine solche Aufnahme wäre vor dem politischen Umbruch von 1989, in den 1993 getrennten Staaten der ehemaligen Tschechoslowakei "samtene Revolution" genannt, undenkbar gewesen.«Streit selbst, in der tschechischen Untergrundkultur engagiert, saß wegen Teilnahme an einer verbotenen Demonstration in Haft.Er durfte fortan nicht mehr als Kurator und Lehrer arbeiten.Heute ist «Streit am FAMU tätig, dem Institut für Kreative Fotografie der Schlesischen Universität: eine von drei Ausbildungsstätten für Fotografie an tschechischen Hochschulen, die in den 90er Jahren gegründet wurden. In der Ausstellung "Sicherheit und Suche in der tschechischen Fotografie der Neunziger Jahre" finden sich zahlreiche Aufnahmen, die zu Zeiten der Zensur weder hätten entstehen noch gezeigt werden können.Mit Arbeiten von 31 Fotografen dreier Generationen bietet sie einen umfaßenden Überblick zum heutigen Stand der Fotokunst in Tschechien.Die Kuratoren Vladimir Birgus und Miroslav Vojt«echovsk¿y von der Prager Burg und dem Haus der Fotografie präsentieren Dokumentarfotografie, Porträts, Stilleben, inszenierte Landschaften, experimentelle Erkundungen des Körpers, Akt- und Modeaufnahmen.Die Wanderschau wurde 1993 erstmals auf dem internationalen Festival "Fotofeis" in Schottland gezeigt.Beständig aktualisiert, hat sie die halbe Welt umrundet.In Berlin ist sie im Tschechischen Zentrum und in der Fotogalerie des Kulturamtes Friedrichshain zu sehen.Anschließend geht sie nach Chicago und New York. Das Tschechische Zentrum konzentriert sich auf die Dokumentarische, die kommunale Galerie auf die Künstlerische Fotografie.Internationale Starfotografen wie Josef Koudelka und Jan Saudek als Vertreter der älteren, prominente Fotografen der mittleren Generation wie Jindr«ich «Streit oder Jírí David dürfen bei beiden nicht fehlen.Auch wer sich den Namen Koudelka nicht gemerkt hat, kennt doch seine spektakulären Bilder vom Einmarsch der russischen Armee in Prag.Über England emigrierte er nach Paris.Der Fotograf der Agentur Magnum besitzt seit langem die französische Staatsbürgerschaft.Von ihm sind Panoramen verödeter Industrielandschaften in den ehemaligen Braunkohlerevieren Böhmens zu sehen. Saudeks hochartifizielle Inszenierungen im Stil erotischer Postkarten des 19.Jahrhunderts, die er in extrem künstlichkitschigen Farben handkoloriert, zählen zu den Höhepunkten in Friedrichshain.Dort konkurrieren herausragende Werkreihen wie Tono Stanos zwischen Bauhausexperiment und herausfordernder Erotik oszillierende Mode- und Werbefotos besonders zahlreich um Publikumsgunst.Insgesamt überrascht die Vielzahl hervorragender Fotografen in einem verhältnismäßig kleinen Land wie Tschechien.Nicht zuletzt unter den jüngeren Fotografen gibt es vielversprechende Talente: darunter Michaela Brachtlová, eine von nur zwei(!) Teilnehmerinnen, und vor allem Michal Macku, dessen mystisch verfremdete Körperlandschaften ins Surreale weisen.Besonders Ivan Pinkava wird man sich merken müssen.Seine Porträtserie "Dynastie" weist eine ganz unverwechselbare Handschrift auf.Eine Auswahl ausdrucksstarker Charaktere läßt er in einfachen, altmodischen Kleidungsstücke posieren.Mittels raffinierter Lichtdramaturgie hüllt er seine Protagonisten in eine eigentümlich kafkaeske, vor psychologischer Spannung knisternde Atmosphäre, die dabei die Coolness der neunziger Jahre ausstrahlt.Pinkava mixt die Stimmung eines Stummfilms wie Nosferatu mit der repräsentativer Standesbildnissen des Adels und beamt sie ins Heute. Tschechisches Zentrum, Leipziger Str.60, Montag bis Freitag 13-18 Uhr.Fotogalerie Helsigforser Platz 1, Dienstag bis Sonntag 13-18 Uhr, Donnerstag 10-18 Uhr.Bis 28.April.Katalog 39 DM.

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