Kultur : Eine unsichere Bank

Die Woelffer-Theater am Kurfürstendamm wollen nicht zum Opfer eines Shopping-Centers werden

Christine Wahl

Wie eh und je nippen Damen in gewagten Kleidern im Foyer der Komödie am Kurfürstendamm an farbenfrohen Fruchtbowlen. Auf der Bühne erleben Anita Kupsch als Hafturlauberin und Max Volkert Martens als Moderator einer TV-Show namens „Zack, die Sache ist im Sack“ gerade „Eine Nacht wie im Rausch“. Ihre Comedy-Kollegen Bastian Pastewka, Christoph Maria Herbst und Co. fristen dieselbe Nacht im benachbarten Theater am Kurfürstendamm in einem Heizungskeller. Sie haben sich dort vor ihren einkaufssüchtigen Frauen versteckt und erklären sich gerade gegenseitig, was ein prämenstruelles Syndrom ist.

„Männerhort“ heißt das Erfolgsstück. Ein sehr junger Mann in Lederjacke bedenkt jede Pastewka-Einlage mit Szenenapplaus und schreibt hinterher „Danke!“ ins Gästebuch. Überhaupt finden sich dort ausschließlich Liebeserklärungen. Dabei wäre dieser Tage auch ein Kampfaufruf denkbar. Denn die beiden im Ku’damm-Karree beheimateten Theater könnten einem neuen Shopping-Center zum Opfer fallen. Gerade wurden entsprechende Umbaupläne des Immobilienfonds DB Real Estate – einer Tochterfirma der Deutschen Bank, der seit 2003 das Karree gehört – publik.

Intendant Martin Woelffer wirkt am nächsten Morgen beim Interview in seinem Büro dennoch gelassen. Im letzten Jahr übernahm er die Geschäfte von seinem Vater Jürgen, den Familienbetrieb leitet er nun in dritter Generation. Als die DB Real Estate Eigentümerin des Karrees wurde, konnte er zwar eine vergleichsweise günstige Monatsmiete von 40 000 Euro aushandeln. Allerdings nur um den Preis eines Mietvertrages mit halbjährlicher Kündigungsmöglichkeit und einjähriger Kündigungsfrist. Schon damals trat Woelffer gezielt an prominente Hausfreunde heran. Christoph Stölzl und Alice Ströver, aber auch Schauspieler, Wirtschaftsleute und Filmprominenz stehen inzwischen als öffentlichkeitswirksame „Paten“ Gewehr bei Fuß.

Real-Estate-Sprecher Tim-Oliver Ambrosius räumt lediglich ein, dass ein „namhaftes Projektentwicklungsunternehmen“ mit einem Umbaukonzept beauftragt sei. Da dieses der Real Estate erst am morgigen Mittwoch vorgestellt werde, kenne er noch keine Einzelheiten. Dabei kursieren längst Gerüchte, nach denen die Woelffer-Theater entweder komplett einer Erweiterung der Ladenzone weichen oder aber in einem Obergeschoss der Passage einen Spielort ohne direkten Ku’damm-Zugang erhalten sollen. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen und Martin Woelffer, denen das Konzept aus einem vertraulichen Vorgespräch mit dem Projektentwickler mfi bekannt ist, signalisieren zwar, dass es für die Gerüchte gute Gründe gibt, wollen aber keine weiteren Details nennen.

Dass das Einkaufszentrum, das auf 60 000 Quadratmetern einen Leerstand von einem satten Drittel zu verzeichnen hat, dringend reanimationsbedürftig ist, bestreitet niemand. „Wir sind die Allerletzten, die finden, dass da nichts passieren darf“, sagt Martin Woelffer. Aber eben nicht auf Kosten seiner Häuser. In seinen gewagtesten Träumen, erzählt er, profiliere sich statt dessen jemand mit deren Restaurierung.

Hinter der schmucklosen Fassade verbergen sich echte Max-Reinhardt-Bühnen. Als intimes Logentheater in zartgelb und kirschrot eröffnete Reinhardt 1924 die bei Oskar Kaufmann in Auftrag gegebene „Komödie“ und ließ den Architekten auch das Theater am Kurfürstendamm umbauen, als er es vier Jahre später übernahm. Bemühungen, die Bühnen unter Denkmalschutz stellen zu lassen, sind allerdings bislang gescheitert. Der Landesdenkmalbehörde zufolge ist nicht mehr genug Reinhardt erhalten. 1943 durch Bomben beschädigt, mussten beide Bühnen bereits vor dem brachialen Einbau ins Ku’damm-Karree Anfang der siebziger Jahre mehrere Renovierungswellen überstehen. „Mit dem entsprechenden Geld wäre es ein Leichtes, den Originalzustand wieder herzustellen“, glaubt Woelffer.

Dass er einmal derart leidenschaftlich über den Familienbesitz visionieren würde, hätte er vor ein paar Jahren selbst nicht geglaubt. „Brav“ und „spießig“ fand er einst das Familienerbe, flüchtete in Literaturwissenschaftsstudien, später ins Ausland und steht jetzt für den Versuch einer behutsamen Kunst- und Besucherverjüngung ohne Verschreckung der Stammkundschaft: eine existenzielle Gratwanderung. Wie hoch man persönlich den Humorfaktor eines prämenstruellen Syndroms oder eines „Zack, die Sache ist im Sack“-Moderators ansiedelt, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass sich die Bühnen ohne einen einzigen Cent öffentlicher Zuschüsse bei derzeit jährlich 250 000 Besuchern ausschließlich aus ihren Einnahmen finanzieren.

Die Zeiten, da die Juhnkes und Pfitzmanns für übervolle Häuser sorgten, das Ku’damm-Theater zum Standardprogramm jedes Westberlin-Besuchs gehörte und Jürgen Woelffer sich aussuchte, welchem Fernsehsender er die Aufzeichnungsrechte überließ, sind freilich vorbei. Und die legendären Fünfziger, als sich hier Rudolf Platte, Victor de Kowa und Curt Goetz die Klinke in die Hand gaben und der erste Woelffer, Hans, die Komödie zur veritablen Musical-Adresse machte, sowieso. „Hurra – das Musical ist da! Es kam. Wir sahen. Es siegte! Ich möchte jeden Abend dort verbringen!“, schwärmte Friedrich Luft damals über „Kiss me, Kate“.

Zum lebenden Inventar des Hauses gehört Wolfgang Spier. Momentan gibt der 85-jährige Schauspieler am Ku’damm einen „Sugar Daddy“. Früher, lacht er, trat er mitunter parallel auf beiden Bühnen auf und rannte abendfüllend hin und her. Im Falle einer Schließung „würde ich meine Heimat verlieren“. Die Deutsche Bank, die sich gern mit dem Image der Kulturförderin schmückt, möchte sicherlich nicht als Killerin einer Berliner Institution in die Schlagzeilen geraten, hofft Woelffer. Aber die Politik ist alarmiert. Senatskanzlei-Chef André Schmitz führte bereits ein vertrauliches Gespräch mit der Deutschen Bank. Und Klaus Wowereit, ein bekennender Freund der Ku’damm-Bühnen, trifft sich diese Woche mit Martin Woelffer.

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