Kultur : Eine Vergangenheit, die DDR hieß

GÜNTER GAUS

Angesichts des Bauernkriegs-Panoramas von Werner Tübke in Bad Frankenhausen, einst in der DDR gelegen, hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben: "Ein Staat, der ein solches Bild in Auftag gibt, kann nicht ganz und gar schlecht gewesen sein." Ich meine, die Lebensumstände in einem Land, dessen Akademie der Künste eine Zeitschrift wie "Sinn und Form" herausgibt, können nicht vollständig aus Akten abgelesen werden.Mit der Wende ist viel Differenzierungsvermögen in Deutschland verloren gegangen.

Johannes R.Becher und das Leben, das hinter ihm lag, als er vor fünfzig Jahren "Sinn und Form" begründete; die Ideale, die Mühen, die Kompromisse, auch die faulen, der Mitglieder des Redaktionsbeirats der Zeitschrift; die bösartigen Schikanen des staatlichen Vormunds gegen Peter Huchel; die Veröffentlichung von Volker Brauns Erzählung "Eine unvollendete Geschichte" in den siebziger Jahren; die Texte voller unsicherer Erwartungen in den Heften des ersten Nachwendejahres: Hier und nicht in Aktenregalen ist das Material zu finden, das eine angemessene Beschäftigung mit jener deutschen Vergangenheit ermöglicht, die DDR hieß.Zum fünfzigsten Geburtstag von "Sinn und Form" wünsche ich der Akademie und ihrer Zeitschrift einen Mäzen, die VW-Stiftung etwa.Finanziert werden sollte eine Rückschau, gestützt auf "Sinn und Form"; publiziert nach einem sorgfältig bedachten Redaktionsprogramm als Teil des Heftes über längere Zeit.

Der Autor war Leiter der Ständigen Vertretung Bonns in Ost-Berlin.Heute arbeitet er als Publizist und Herausgeber der Berliner Wochenzeitung "Freitag".

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