Kultur : Eine von uns

Steffen Richter

Heute Nachmittag wird vor der Charlottenburger Meinekestraße 6 eine Gedenktafel enthüllt (17 Uhr). Darauf steht, dass es sich um das Geburtshaus der Schriftstellerin Irmgard Keun handelt, deren Romane „lebendige Porträts ihrer Heimatstädte Berlin und Köln“ zeichneten und von den Nazis verboten wurden. Das ist natürlich richtig. Doch die Geschichte Irmgard Keuns ist spannender, als die Gedenktafel verrät. Keun wurde 1905 in Berlin geboren und zog noch als Kind nach Köln. Erst war sie eine erfolglose Schauspielerin, dann eine erfolgreiche Autorin. „Gilgi, eine von uns“ (1931) und „Das kunstseidene Mädchen“ (1932) sind wunderbare Bücher über die Sonnen- und Schattenseiten der gar nicht so Goldenen Zwanziger. Bei Keun war die Neue Sachlichkeit, der nüchterne Blick auf die Arbeits- und Alltagswelt der modernen Massengesellschaft, eine Angelegenheit der „Neuen Frau“ geworden. Und die lebt ihr Angestelltendasein, liebt Kino und Schlager, Boxwettkämpfe und Autorennen. Den Nazis galt das als „Asphaltliteratur“. 1936 emigrierte Keun nach Holland. Dort schrieb sie Romane über Hitler-Deutschland und reiste mit ihrem Lebensgefährten Joseph Roth durch Europa. 1940 kehrte sie mit einem falschen Pass nach Deutschland zurück. Nach dem Krieg hat sie nie wieder Anschluss gefunden. Es folgten Alkoholprobleme und Jahre in der Psychiatrie. Erst durch die feministische Literaturkritik wurde Keun kurz vor ihrem Tod 1982 wieder entdeckt. Heute (20 Uhr) lesen Mona Glass und Mathias Eysen im Literaturhaus (Fasanenstr.23, Charlottenburg) aus dem Band "Ich lebe in einem wilden Wirbel" (Claassen), Briefe, die Keun 1933-47 an ihren Geliebten schrieb, den nach Amerika emigrierten jüdischen Arzt Arnold Strauss.

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