Eine wahre Geschichte : Meine erste Coca-Cola

„Westwind“: Robert Thalheim erzählt behutsam von einer deutsch-deutschen Liebe

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Damals am Balaton. Die Schwestern Isabel (Luise Heyer) und Doreen (Friederike Becht) aus der DDR lernen 1988 in Ungarn zwei junge Westler kennen. Foto: Zorro
Damals am Balaton. Die Schwestern Isabel (Luise Heyer) und Doreen (Friederike Becht) aus der DDR lernen 1988 in Ungarn zwei junge...

Die beiden Mädchen tragen Sommerkleidung und Rucksäcke. Geduckt hasten sie durch ein Wäldchen, ihr Atem fliegt. Sie erklimmen einen Baum, ein Sprung – und sie sind drüben, auf der anderen Seite des Zauns. Das Wäldchen liegt in Ungarn, die Mädchen kommen aus der DDR. Man denkt sofort an den August 1989, als bei einem „Paneuropäischen Picknick“ Hunderte DDR-Bürger nach Österreich flohen. Aber die Szene spielt ein Jahr vorher, im Sommer 1988 – und die Barriere, über die die Mädchen springen, ist statt des Eisernen Vorhangs bloß ein Maschendrahtzaun, der das Gelände ihres Pionierlagers umgibt. In den Westen wollen sie trotzdem, auf abenteuerlichem Wege.

„Nach einer wahren Geschichte“, versichert der Vorspann von Robert Thalheims „Westwind“, der als Sommermärchen beginnt und zum Thriller wird. Die Zwillingsschwestern Isabel (Luise Heyer) und Doreen (Friederike Becht) aus Dresden haben die Bezirksmeisterschaft im Rudern gewonnen, und nun dürfen sie zum ersten Mal ins sozialistische Ausland reisen, zum Intensivtraining am Balaton. „Guck mal, der ist ja riesig“, jubeln sie, als sie den See vom Zug aus sehen, und weil sie den Bus zum Lager verpassen, sitzen sie bald in einem orangefarbenen VW-Käfer mit Hamburger Kennzeichen. Arne (Franz Dinda) und Nico (Volker Bruch) sind, zu erkennen an gebügelten Polohemden und Seitenscheitel, Popper, im Kassettenrecorder ihres Wagens läuft „Enjoy The Silence“ von Depeche Mode. Musik, die in Dresden nur bei Westwind zu hören ist.

„Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Welten und können uns aber ganz normal unterhalten“, wird Arne später zu Doreen sagen, da haben sie sich schon ineinander verliebt. Etwas von diesem Staunen ist auch in der Art zu spüren, wie der Film auf seine Figuren schaut und ihnen zuhört. Es sind Details, die die Unterschiede zwischen Ost und West markieren. Die Mädchen stylen ihre Haare mit Ananassaft, bevor sie ausgehen. Für ihren Cocktail in der Disko „Metropol“ wollen sie keinen Strohhalm, sondern „Trinkröhrchen“. Und im teuren Valuta-Hotel schmeckt es Isa gut, während Nico – „Hallo Bedienung!“ – seinen Braten zurückgehen lässt, der ihm wie eine „aufgebratene Schuhsohle“ vorkommt. Die erste Coca Cola, der erste Kuss von einem Westdeutschen: große Bildungserlebnisse.

Das deutsch-ungarische Pionierlager wirkt wie eine Miniaturausgabe der DDR. Da gibt es blaubehemdete Jungpioniere beim Fahnenappell und Barden, die sperrige Lieder auf der Gitarre darbieten, in denen „Traum“ sich auf „Apfelbaum“ reimt. Lagerleiter ist ein übereifrigerFunktionär, der die Jugendlichen schon beim Frühstück anfährt: „Sitz mal gerade hier“ – gespielt von Hans Uwe Bauer, der in „Das Leben der Anderen“ noch ein Dissident war. Es ist eine Welt, die untergehen muss.

Robert Thalheim hatte mit der Low-Budget-Komödie „Netto“ und dem Auschwitz-heute-Film „Am Ende kommen Touristen“ auf sich aufmerksam gemacht. „Westwind“ nun ist nicht großes Kino, sondern eine Fernseh-Koproduktion mit liebevoll detailgenauer Ausstattung und präzisen Dialogen. Die Zwillingsschwestern, die am Balaton mit dem Klassenfeind anbandeln, hat es wirklich gegeben. Eine von ihnen ist Susann Schimk, die den Film produziert und am Drehbuch mitgeschrieben hat. Doreen und Arne müssen sehr verliebt gewesen sein. Aber gehalten hat ihre Liebe nicht.

Blauer Stern Pankow, CinemaxX Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Kant Kino, Kulturbrauerei, Rollberg

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