Eine Woche Chaos : Warum Berlin mit der S-Bahn Geduld hat

Der Radbruch einer S-Bahn Anfang Mai in Kaulsdorf markiert den – gefühlten – Anfang einer Kettenreaktion, die die Stadt auf eine völlig neuartige Probe stellt. Nun sind es die Aufräumungsarbeiten, die ein neuartiges Gemeinschaftsgefühl auslösen, das zwangsläufig mit der Bewältigung einer Notlage einhergeht.

Jan Schulz-Ojala

Wenn der Berliner von Reisen in nahe Metropolen wie Paris oder London oder auch fernere wie Rio, New York oder Tokio zurückkehrt, dann überfällt ihn gemeinhin sofort das Gefühl, in einer vergleichsweise beschaulichen Mittelstadt zu leben. Landet er etwa auf dem Flughafen Schönefeld und ist dann weiter in den Westen der Stadt unterwegs, bringt ihn ein putziger Eindecker-Bus zum noch putzigeren U-Bahnhof Rudow, und in mäßig gefüllten Abteilen hat er stadteinwärts jede Muße, sich wieder auf seine Heimat einzugrooven: im Weltmaßstab eine Art Kiel an der netten Förde oder auch Freiburg im niedlichen Breisgau: beruhigend übersichtlich – und mental entspannt.

Auch hat sich das primäre öffentliche Transportmittel namens S-Bahn in den zwei Jahrzehnten der vereinigten Milliönchenstadt zu einem durchaus metropolentauglichen Nahverkehrssystem gemausert. Und ist dabei im Alltag doch ziemlich gemütlich geblieben. Verblüffend schnell und – noch verblüffender – leise bringen die modernen, geräumigen Züge ihre in relativ sauberen Waggons untergebrachten Passagiere zum Ziel, und wenn auch die Warteminutenanzeiger auf den Bahnhöfen noch da und dort fehlen, so halten grüne Endloslaufbänder in den Abteilen die Reisenden zuverlässig über die jeweils nächsten Stationen in Bilde. Auf den Bahnsteigen tun immer noch echte Menschen in putzigen blauroten Uniformen bei Bedarf hilfsbereit Dienst – ganz anders als in der U-Bahn nebenan, wo real existierende Beschäftigte eher in Heckenschützengestalt auftreten. Eben noch eine frisch zugestiegene Truppe berlinerisch plaudernder Hartz-IV-Empfänger, verwandeln sie sich mit gezücktem Dienstausweis in Ordnungskräfte auf Schwarzfahrerjagd.

Nicht dass derlei Laienspielszenen plötzlich der Vergangenheit angehören würden – aber das Drama, das seit Anfang dieser Woche auf der Berliner Schienenverkehrsbühne gegeben wird, ist von reichlich anderem Kaliber. Der Radbruch einer S-Bahn Anfang Mai in Kaulsdorf, damals nicht viel mehr als eine Fußnote im Alltagsgeschehen, markiert den – gefühlten – Anfang einer Kettenreaktion, die die Stadt auf eine völlig neuartige Probe stellt. Erst wurde der Fahrplan massiv wie nie eingeschränkt. Dann wurde, im urbanen Bewusstsein zuvor undenkbar, am Montag die StadtbahnAorta stillgelegt, die sonst konkurrenzlos schnell und mit kräftigem Puls die beiden Stadtzentren miteinander verbindet – und auf einmal müssen Touristen und Hunderttausende trotz Ferien nicht verreister Berliner in Ersatzbahnen und auf Ersatzstrecken den ganzen Tag über so eng zusammenrücken, wie man das sonst nur aus der Métro, Underground oder Tube kennt.

Die Ausnahme wird Zustand, für Wochen mindestens – und doch besteht die Stadt die Bewährungsprobe mit Bravour. Wie kommt es, dass die Volksseele nicht kocht, sondern allenfalls da und dort kläfft? Dass jene Medien, die es, sehr frei nach Adorno, als ihre vorrangige Aufgabe ansehen, die Angst vorm Chaos in der Ordnung zu schüren, binnen Tagen ihre „Kollaps“-, „Schock“- und „Desaster“-Balkenlettern einmotten mussten, um flugs auf „Berlin bleibt cool“ umzuschalten? Wie kommt es, dass Berlin, da es erstmals ein massives und grundsätzlich beunruhigendes Sicherheitsproblem mit seinem Nahverkehr hat, so ungemein souverän reagiert?

Vielleicht zuallererst gerade deshalb: Weil diesmal, anders als beim Bahn-Lokführerstreik 2007 und beim BVG-Streik 2008, wo es den Beschäftigten um Geld und somit um den üblichen Partikular-Egoismus ging, ein tatsächliches Problem für alle besteht. Eines, das nicht mal eben damit erledigt ist, dass man in Internetforen auf das „link-linke Berliner Regierungsgesocks“ schimpft, das für das Debakel bei der S-Bahn nun wirklich nicht zuständig ist. Ebenso wenig bessert es folglich die Lage, wenn die Boulevardpresse versucht, den Bürgermeister und die Stadtentwicklungssenatorin aus dem Urlaub zurückzuprügeln.

Das Problem ist viel schwerwiegender – und ungemein erhellend zugleich. Denn mit der börsengangsverrückten Bahnspitze ist es ein Subsystem des entfesselten Kapitalismus selbst, das seine Profitgier auf die Spitze trieb und so die Lawine bei der nachgeordneten S-Bahn lostrat, indem es sie finanziell auspresste, die internen Wartungstermine vernachlässigte und Werkstätten dichtmachte. Eine Genugtuung bedeutet es, dass die Verantwortlichen solcher Bahn-Politik auf nationaler und örtlicher Ebene ihre Jobs verloren haben. Immerhin: Das Selbstverständnis eines Dienstleistungsunternehmens, das im fanatischen Blick auf die Bilanzen über die Leichen seiner Kundschaft geht, bleibt erfreulich schwer vermittelbar.

Dieser Krieg in Friedenszeiten, der Krieg einer Zocker-Clique gegen ihre Schutzbefohlenen, ist zu Ende, bevor er noch weniger glimpfliche Folgen hätte zeitigen können. Nun sind es die Aufräumungsarbeiten, die imponieren und ein neuartiges Gemeinschaftsgefühl auslösen, das sich einmal nicht gegen etwas richtet, sondern zwangsläufig mit der Bewältigung einer Notlage einhergeht. Es mag kurios sein, am Hauptbahnhof in eine Stuttgarter S-Bahn einzusteigen, die nicht laut Netzspinne nach Backnang weiterfährt, sondern zum Potsdamer Platz, oder dass man für Kurzdistanzen nun wochenlang etwa die Regionalbahn von Senftenberg nach Nauen nimmt. Viel aufregender ist dabei das neue Berliner Lebensgefühl: Klaglos arrangiert man sich bei oft drückender Sommerhitze in überfüllten Zügen, ausdrücklich bemüht, einander nicht auf die Nerven zu gehen.

Der Verfremdungseffekt, der merkwürdige Kitzel, in der eigenen Stadt fremd zu sein: Abgesehen von aller äußerlich erzwungenen Mühsal hat er auch etwas Spielerisches. Einmal wird nicht jener menschliche Impuls bedient, es möge immer alles so bleiben, wie es ist; der schürt auf die Dauer ohnehin nur Trägheit und Intoleranz. Sondern es kommt sein Gegenteil zum Zuge – die ebenso menschliche Sehnsucht, dass nicht immer alles bloß so sei, wie es ist: die Sehnsucht nach einem Funken Irrealität, nach Fantasie, kurz: nach jenem Ausnahmezustand, der einen tatsächlich von der Norm erlöst. So hat sich der globalisierte Mensch unauffällig vom Pauschalurlaub emanzipiert, der die Norm nur andernorts reproduzierte, und so sucht er sich geschmeidig neue Strecken, wenn andere versiegen. Und betrachtet das – zwischenzeitlich – als Gewinn. Die Verhältnisse sind, warum auch immer, aus dem Humtata-Takt geraten? Schadet nichts, auch mal synkopisch zu leben.

„Keep calm and carry on“: Es scheint, als hätten sich die Berliner das berühmte britische motivational poster von 1939 auf ihre Weise zu eigen gemacht. Das Textmotiv, damals als Handlungsanleitung für den Fall der deutschen Invasion gedacht und derzeit auf T-Shirts und Teetassen groß in Mode, passt zu dem globalisierten Selbstverständnis, das die Stadt in diesen Tagen unter Beweis stellt. Immerhin, es ist Frieden – und nicht mehr zu bewältigen als die Reparatur an massenhaft zuschanden gefahrenen Bahnen, die ihre Zeit und unsere Langmut erfordert, anders als bei Brecht, der seinen „Radwechsel mit Ungeduld“ sah. Wir sind noch einmal davongelaufen.

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