Kultur : Eine Zauberformel für die ganze Welt

Vor dem ersten Evangelisch-Katholischen Kirchentag, der am Mittwoch in Berlin beginnt: Ökumene – was ist das überhaupt?

Thomas Lackmann

Der Weltuntergang läuft. Eben wurde das Zentrum der Zivilisation von den Barbaren gestürmt. Die alte Ordnung fällt, wie soll eine neue entstehen? Am Rande des kaputten Imperiums beginnt ein afrikanischer Intellektueller, die folgenreichste Geschichtsphilosophie des Abendlandes zu schreiben: „De civitate Dei“, über den „Gottesstaat“ und seine Feinde. Gut und Böse kennt dieser Gelehrte nicht nur vom Schreibtisch. Als Halbstarker gehörte er einer Straßenbande an, mit seiner Geliebten hat er einen Sohn gezeugt; der modischsten Weltanschauungssekte seiner Zeit war er verfallen, stieg in Mailand zum Star-Professor für Rhetorik auf. Umgestülpt wird das Leben dieses Aurelius Augustinus durch seine Bekehrung, in der zweiten Lebenshälfte ist er Bischof von Hippo bei Karthago. Als er im Jahr 430 stirbt, während der Belagerung seiner zivilisierten Stadt durch die ketzerischen Vandalen, ist sein 22-bändiges Werk über den Kampf des Bösen mit dem Guten abgeschlossen.

Zwei unsichtbare Reiche ringen aus der Sicht des Augustinus um den Sieg ihrer Weltordnung; die konkrete Kirche ist in diesem Streit zwar nicht gleichzusetzen mit der „civitas Dei", aber ihr unvollkommenes Abbild. „Außerhalb der Kirche kein Heil!" pointiert der größte Kirchenlehrer Europas – und relativiert sich selbst: „Viele, die draußen zu sein scheinen, sind drinnen; viele, die drinnen zu sein scheinen, sind draußen.“ Unbedingt glaubt er, gleichwohl, an die Einheit der Kirche, sogar an eine gewisse Autorität des fernen Bischofs von Rom. Allerdings ist Rom ja gerade untergegangen...

Dass die Heilung der kranken Welt ohne eine geeinte Kirche nicht zu haben ist, dürfte vielen Gästen des am Mittwoch in Berlin beginnenden Ökumenischen Kirchentages ein fremder Gedanke sein. Die Begriffe des Augustinus vermitteln sich Zeitgenossen nicht mehr; unter Kirche verstehen sie einen Verwaltungsapparat, bei Heil denken sie eher an Hitler, bei drinnen und draußen an Boris Beckers Internet-Probleme. Dass Ökumene, die Einigungsbewegung getrennter Christen-Gemeinschaften, überhaupt nötig und diese Ökumenische Premiere was besonderes sein soll, erscheint ihnen so unverständlich wie die Tatsache, dass die Theologen ihr kleingedrucktes Spaltmaterial nicht endlich entsorgen und Händchen halten.

Lessings Ring-Parabel vom gleichen Wert divergierender Bekenntnisse und vom Verlust des „wahren“ Ringes hat unser Denken geprägt. Dogmatische Querelen wirken auf die postmodernen Nachgeborenen der Aufklärung so irrational wie „Glaubenskriege“ des 17. oder des 20. Jahrhunderts, so primitiv wie die Territorialrauferei frommer Rüpel an den Pilgerstätten des Heiligen Landes.

Einheit der Kirchen – warum denn, um Himmels willen, immer noch nicht? Selbst engagierte Kirchenmitglieder, die mit der Vision des Augustinus vom Christen-Beitrag zur Rettung der Welt etwas anfangen können, machen für das ökumenische Stagnieren vor allem betonköpfige Besitzstandswahrer „da oben“ verantwortlich. Und in der Tat ist die Zerplitterung der Christenheit – angesichts ihrer eigenen Gründungstexte und auf dem Hintergrund aktueller Menschheits-Probleme – ein Dauerskandal. „Alle sollen eins sein, damit die Welt glaube“: Unmissverständlich stellt das an seine Gefolgsleute gerichtete Wort des Religionsgründers Christus zwischen der universalen Evolution zum Guten und dem Zustand der Kirche eine direkte Verbindung her. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche säkulare Einigungs-Strukturen und -Prozesse entwickelt worden: UNO und EU, kommunikative und kulturelle Globalisierung, interkontinentale Konzernfusionen. Aber eine Zauberformel, wie auf diesen Feldern Einheit und Vielfalt harmonieren sollten – ohne Gleichschaltung und ohne Dominanz des Stärkeren – fehlt. Die epochale Aufgabe der Kirche müsste es logischerweise sein, ihre eigene Formel der Einheit in Vielfalt intern zu realisieren: um der Welt ein Qualitätsmodell „erlöster“ Beziehungen, den eher technischen Globalstrukturen eine vitale Spiritualität anzubieten. Gelingt ihr das nicht, wäre es das gravierendste Versagen der Christen seit ihren Versäumnissen während des Holocaust.

Immerhin sind durch die im 19. Jahrhundert aufgebrochene ökumenische Bewegung, aus der 1948 der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) entstand, Vorurteile zwischen den Gemeinschaften abgebaut worden. Jene verbiesterten Zeiten, in denen ländliche Evangelen und Katholen am Hochfest der Gegenfraktion ihren Mist spazierenfuhren, sind, trotz Nordirland-Konflikt, passè. Das One-World-Gefühl, wie es sich in dem Kirchentagskanon „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über alle auf“ euphorisch artikuliert, prägt auch die Basis der Volkskirchen. Manchem Ökumene-Aktivisten wird allerdings klar, dass Gläubige, deren Credo behauptet, Gott sei Mensch geworden in der Geschichte, ihre ererbte Historie nicht ignorieren sollten: (Interkultureller) Dialog ist nur effektiv, wo jede Seite auch die eigene trennende Tradition ernst nimmt.

Zudem stellt sich heraus, dass man unter Ökumene alles und nichts verstehen kann. Die griechische Vokabel meint alle Bewohner des Hauses, ja des bevölkerten Erdkreises; es liegt durchaus nahe, hier im Wortfeld-Kontext einer anspruchsvollen Einheitsutopie auch Ökonomie (= Gerechtigkeit) und Ökologie (=Harmonie des Menschen mit der Schöpfung) zu assozieren. Im Genfer ÖRK, dem 330 Kirchen angehören, wird dieses große Ideal nur über trockene Gremienarbeit angestrebt: eine Praxis der Abstraktion, in der Kirchentagsökumeniker ihr „Der-Himmel-geht-auf“Gefühl schwer wiedererkennen.

Im Neuen Testament wird die Einheit unter den Menschen, der Himmel auf Erden, als Ergebnis einer wiedererlangten Einheit mit Gott geschildert. Dürfen Sterbliche überhaupt behaupten, zu wissen, wie der Himmel herabsteigt auf unsern morbiden Planeten? Über die wahre Antwort auf dieses „wie“ der Erlösung haben sich Dogmatiker und Glaubenskrieger lange den Kopf eingeschlagen. Zur Reformationszeit betonten die Protestanten, dass sich solch eine Ankunft des Himmels aus heiterem Himmel vollziehe, ohne jede Mitwirkung der sündhaft versehrten menschlichen Landebasis. Die Katholiken bestanden darauf, dass man – auf Grund eines vorbereitenden göttlichen Gnadenvorschuss-Tricks – an einen geschichtlich angebahnten Dialog der ungleichen Partner glauben dürfe. Heute können Durchschnittschristen mit der damaligen Streitformel „Rechtfertigung“ sowieso nichts mehr anfangen, die Theologen haben diese Differenz zum Teil überwunden. Doch das konträre Kirchenverständnis wurzelt in der alten Kontroverse: Die Katholische Kirche versteht sich als Gottes Instrument und Partner bei der Rettung der Welt – weshalb sie ihrer Überlieferung und dem aus apostolischer Zeit tradierten Bischofsamt großes Gewicht beimisst. Protestanten ist diese Sakralisierung der Institution unheimlich.

Wie funktioniert eigentlich ein Dialog ungleicher Partner? Die Knackpunktfrage jeder privaten oder politischen Beziehung ist auch das Kernproblem der innerkirchlichen Einheit, die zwischen Roms Kirche und den Kirchen des Ostens schon 500 Jahre vor Martin Luther zerbrochen war. Als Anno 1054 der Legat des Papstes dem Patriarchen von Konstantinopel das präparierte Verdammungspapier auf den Altar der Hagia Sophia pfefferte, war diesem showdown klerikaler Eitelkeit eine Haarspalterei vorangegangen. Ost und West stritten um einen Zusatz im Credo: um die Aussage, ob im inneren Dialog des dreieinigen Gottes – Vater, Sohn, Heiliger Geist – der Geist von dem Vater und dem Sohn (lat. filioque) ausgehe! Auch dieses Spezialproblem wurde auf Theologenebene mittlerweile weitgehend entschärft; mancher moderne Exeget hält die ganze Trinitätslehre für bibelfremde hellenistische Spekulation. Andere fasziniert die paradoxe Aussage über Gott, der offenbar ein Kollektiv, eine Familie, personifizierter Trialog sein soll – das Modell der Einheit in Vielfalt? Falls dieser Heilige Geist, die personifizierte Einheit, tatsächlich von „oben“ und „unten“ ausginge, dann entstände Einheit aus einem utopischen, politisch spannenden Widerspruch: hierarchisch und demokratisch zugleich.

Wo es bei Verwerfungen und Trennungen nicht um die Wahrheit geht, geht es um Macht: Ein verweigerter Fußkuss für das Oberhaupt der rivalisierenden Gemeinschaft soll, so lautet eine weitere Version des Scheidungsdramas zwischen Ost- und Westkirche, seinerzeit die Eskalation in Konstantinopel beschleunigt haben. Daran muss Paul VI. gedacht haben, als er 1975 vor dem Legaten des orientalischen Patriarchen im Petersdom niederkniete und dem Verteter der getrennten Kirche mit 900 Jahren Verspätung das Unterwerfungszeichen der Hingabe gewährte. An diesem Fußkuss eines Pontifex, dessen Milliardengemeinde bis heute auf Grund ihres Absolutheitsanspruchs nicht Mitglied im ÖRK geworden ist, scheiden sich wohl die Geister der Interpretation. Denn weder Paul VI. noch sein Nachfolger haben auf ihren Primat, der als Haupthindernis für die Einheit der Christen angesehen wird, verzichtet. Die Demutsgeste des arthrosegeplagten Bischofs von Rom war nicht mehr als ein Symbol – nicht weniger als das Signal seines persönlichen Wunsches, den ersten Schritt zu tun.

Wenn in Berlin jetzt ein Ökumenischer Kirchentag stattfindet, dann ist das möglich, weil ökumenische Pioniere zuvor den ersten Schritt getan haben: die gegen das Misstrauen ihrer Chefs fromme Gewohnheiten durch Feindkontakt hinterfragten; die hingerichtet wurden, weil ihr Einheitsideal totalitären Staaten gefährlich schien; die im KZ Einheit unter Christen an der Basis erlebten und danach nicht mehr mit dem Stellungskrieg weitermachen konnten; die als Funktionäre theologischer Kommissionen über Jahrzehnte, belächelt vom Rest der Gemeinde, das trennende Kleingedruckte weggeforscht haben und zuletzt doch dem Abendmahl der anderen Seite, aus Loyalität zur eigenen Kirchenführung, heulend mitunter, ferngeblieben sind. Verrückte Masochisten? Vielleicht ist der Preis der Einheit gar nicht die Preisgabe der Wahrheit, sondern jener erste Schritt, der nicht unbedingt den Fußkuss erfordert, aber die Hingabekunst des Dialogs – Bereitschaft, genau zuzuhören. Wenn dann die Weltordnung untergeht, erscheinen alte Wahrheiten in neuem Licht.

Viele sind drinnen, die draußen sind.

Und wo Funktionäre weinen, kann die Welt gerettet werden.

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