Kultur : Eine Zipfelmütze für den Türken

Inka M. Lehmann

Ein Gespenst geht um bei den Sangesbrüdern, das Gespenst des Gastarbeiters. In der Person des erstklassigen Tenors Paul Schippel dringt es in die Welt der ehrbaren Bürger Hicketier, Krey und Wolke ein. Dem unvollständigen Quartett ist der Proletarier widerlich, doch die drei brauchen ihn, wollen sie den Liederkranz gewinnen. Schippel seinerseits hasst diese Leute, die ihn sein Leben lang verachteten, doch er braucht sie, um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.

Roberto Ciulli, der mit seinem Theater a. d. Ruhr am Berliner Maxim-Gorki-Theater gastiert, wollte Carl Sternheims "Bürger Schippel" den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen, als er die 1913 uraufgeführte Komödie 1999 auf die Bühne brachte. Schippel ist Gastarbeiter, Türke. Die Auseinandersetzung Bürger-Proletarier tritt zurück hinter der zwischen dem Deutschen und dem Fremden. "Können Sie das deutsche Volkslied empfinden?" Die Frage bekommt hier einen neuen Klang. Hicketier (Rupert J. Seidl) liebt das Liedgut und den bereits zweimal errungenen Kranz, und er liebt mit inzestuösem Besitzanspruch seine Schwester Thekla (Simone Thoma). Zum Kranz verhelfen ihm seine Mitstreiter, der trockene Krey (Steffen Reuber) und der überschwängliche Wolke (Klaus Herzog). Seine Schwester dagegen verliert Hicketier ausgerechnet an den Fürsten, von dessen feudaler Welt er sich mit derselben Entschiedenheit abzugrenzen sucht wie von der proletarischen. Thekla braucht einen Mann, und den "Meistersängern" kommt eine meisterliche Lösung: Schippel soll sie heiraten. Doch der ist bürgerlicher als die Bürger: Eine Braut, die keine Jungfrau mehr ist, lehnt er ab.

Gerade Schippels Ablehnung der gefallenen Jungfrau macht ihn salonfähig. Das unterstreicht die Regie prägnant: Der Händedruck zwischen dem Türken und dem Deutschen lässt die Gewalttaten ahnen, zu denen diese Gesellschaft fähig ist. Allerdings, so gut und witzig sie ist, Ciullis Übersteigerung dieser Bürger hat auch ihre Tücken. Die Männer sind engstirnig, aber auch rührend pathetisch. Wenn sie privat sind, verwandeln sie sich in Gartenzwerge, mit grünen Schürzen und roten Zipfelmützen. Das ist sehr komisch und nicht albern, denn es vollzieht sich ganz nebenbei und selbstverständich. Nur nimmt die Karikatur den Bürgern jede Gefährlichkeit, und Ciulli ist gezwungen, sie durch die Hintertür wieder einzuführen: Nach der Versöhnung mit Schippel ziehen sich alle die roten Zipfelmützen über das Gesicht und werden zu Scharfrichtern oder Ku-Klux-Klan-Mitgliedern, mit dem Fackelträger Schippel in ihrer Mitte. Man versteht die Absicht, doch wirkt dieser Keulenschlag unverhältnismäßig. Noch zweimal ist das Theater a.d. Ruhr im Gorki-Theater zu sehen: heute mit Ciullis legendärer Inszenierung von Handkes "Kaspar", morgen mit "Der kleine Prinz".

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