Kultur : Eine Zukunft mit Pei und der Pietà

MORITZ MÜLLER-WIRTH

So eine richtige Auszugssause wird es wohl nicht werden, eher ein bildungsbürgerliches Stehrumchen: Der vorletzte Tag des Jahres 1998 ist der vorläufig letzte Tag des Berliner Deutschen Historischen Museums (DHM) in seiner angestammten Behausung im Zeughaus.Und alle, die nochmal sehen wollen, wie es aussah, das Geschenk der Bonner Republik an die neue Hauptstadt, sind eingeladen, zu Buffet und einem "Literarisch-musikalischen Salon" mit Schauspielern des Berliner Deutschen Theaters."Da wollen wir die Gläser an die Wand werfen.Symbolisch natürlich", kündigte Museumsdirektor Christoph Stölzl beim traditionellen Jahresendbeisammensein mit von ihm so genannten Multiplikatoren.Dann nämlich ist erstmal Schluß, das heißt geschlossen, für drei Jahre mehr oder weniger.Schluß, das auch warten auf I.M.Pei, beziehungsweise die bauliche Umsetzung der spektakulären Pläne des Architekten und Pariser Grand-Louvre-Glaspyramiden-Erfinders für das neue Wechselausstellungsgebäude des DHM.Ende 2001 soll alles fertig sein, der Umbau, das sogenannte Schauhaus, alles.Im Frühjahr dann, nach einer Phase der internen Erprobung, soll das renovierte Haus wieder für das Publikum geöffnet werden.

Bis dorthin aber, müssen die Museumsfreunde nicht darben, im Gegenteil.Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Linden-Boulevards hat man Übergangsquartier bezogen, im Kronprinzenpalais, in das, zum Verdruß Stölzls später dann das Auswärtige Amt einziehen und die Kunst verdrängen wird.Bei Glühwein und Smörebröd erläuterte Stölz deshalb auch schon in der Dependance die Pläne für die kommende, zum größten Teil sich dort vollziehenden Ausstellungsspielzeit.

Das Jahr beginnt mit Kästner

Den Anfang macht ein Klassiker.Erich Kästner wird aus Anlaß seines 100.Geburtstages im ersten Halbjahr 1999 eine Ausstellung gewidmet: "Die Zeit fährt Auto", basierend auf dem erstmals zur Veröffentlichung nutzbaren privaten Nachlaß.Mit einer Hymne auf die Protagonistin kündigte Stölzl das zweite Großereignis des kommenden Jahres an: Barbara Klemm, Deutschlands sensibelste Linse, und seit den sechziger Jahren als Pressefotografin in Diensten der "FAZ" öffnet von Juli bis Oktober ihr Archiv: "Unsere Jahre - Deutsche Reportagen"."Niemand hat die Deutschen genauer beobachtet", findet der Direktor.

Das neue Jahrtausend soll sich dann in den denkbar unterschiedlichen Gesichtern spiegeln.Das Antlitz der zwanziger Jahre, ein Focus auf das Menschenbild, das Bild der Menschen in der Weimarer Republik, quer durch die Medien bildet einen Schwerpunkt im Nullenjahr.Auch auf den Versuch, die Botschaft des Neuen Testaments in hocherotischen Fotografien nachzuzeichnen, darf man gespannt sein.Bettina Rheins und Serge Bramly jedenfalls haben mit ihren 2000 im Kronprinzenpalais avisierten "INRI" Bildern in Frankreich bereits für heftigen klerikalen Disput gesorgt.

Europas Mitte im Zeitraum des Jahres 1000 im Blick hat schließlich eine ungarisch-tschechisch-polnisch-deutsche Initiative.Man will spiegelbildliche Figuren" (und bisher unbekannte Objekte) der damaligen Epoche zu einer Schau zu vereinen.Beginnend im Sommer 2000 in Krakau wird sie durch die beteiligten Länder touren und 2001 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein.

Der Bonner Segen bleibt

Das ist das Stichwort.Gropius-Bau.Dort wird sich, vielfach beschrieben und mit gespannter, gelegentlich banger Erwartung begleitet, das eigentliche, das multimediale Deutschland-Großprojekt des DHM, die große Jubiläumsausstellung "Einigkeit und Recht und Freiheit - Wege der Deutschen 1949 bis 1999" abspielen.Eröffnung ist am 23.Mai, exakt 50 Jahre nach der Verkündung des Grundgesetzes.

Womit wir bei der Politik wären, ein im Falle des zu einhundert Prozent aus Bundesmittel finanzierten DHM und seines Direktors nicht unwesentlicher Faktor.Doch auch nach der Bonner Zeitenwende will Stölzl, der bisher bekanntermaßen zum Nutzen seines Hauses mit besten Kontakten ins Kohlsche Kanzleramt operierte, Signale empfangen haben, daß die mit jährlich etwa 30 Millionen Mark unterfütterte "Bonner Huld" fortbestehen werde.Basierend auf der Erkenntnis, daß "Sinnstiftung in diesem Land im Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestags geschieht" hat der Direktor vor allem ein Hoffnungs-Indiz ausgemacht: Ein Abguß der in umproportionierter Form in der Berliner "Neuen Wache" zum Gedenken mahnenden "Pietà" befand sich bisher in unmittelbarer Nähe des Alt-Kanzlers, quasi neben dem Zierfisch-Schwimmbecken, in dessen Arbeitsraum.Kohl hat das Aquarium mitgenommen.Schröder, weiß Stölzl zu berichten, will die von seinem Haus entliehene Kollwitz-Skulptur behalten.

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