Kultur : Einen Hellen, bitte!

In den USA proben Naturwissenschaftler den Aufstand der Atheisten: Jetzt kommen die „Brights“

Ralf Grötker

Sie alle sind dabei: James „The Amazing“ Randi – der Direktor der Randi Stiftung aus Florida, die einen Preis von einer Million Dollar für denjenigen ausgelobt hat, der ein übernatürliches Phänomen unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen reproduzieren kann. Der amerikanische Evolutions-Genetiker Massimo Pigliucci, der sich in den Essays und Kolumnen auf seiner Internetseite www.rationallyspeaking.org mit den neuesten pseudowissenschaftlichen Moden befasst, aber auch mit Fundamentalismus, Anti-Intellektualismus und dem „Schurkenstaat USA“. Michael Shermer, der Herausgeber des kalifornischen „Skeptic Magazine“ – einem Organ, das sich den Kampf gegen den Glauben an Außerirdische, Alternativ-Medizin und Okkultismus auf die Fahnen geschrieben hat. Und wer im neuen Club nicht fehlen darf, ist Richard Dawkins, der Erfinder des „egoistischen Gens“. Sie alle zählen sich zu den „Brights“.

Die Brights bilden eine freie Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Sie sind „Naturalisten“ – keine Freunde naturgetreuer Darstellungen in bildender Kunst und Literatur, sondern Anhänger einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sie sind Mystik, Metaphysik und allem Übernatürlichen abgeneigt, damit auch frei von Aberglauben – ja: von jedem Glauben. Das wäre noch nicht viel an Gemeinsamkeit. Aber die „Brights“ glauben, dass dies als Plattform ausreicht, um es mit neuen Auswüchsen der Pseudowissenschaft und religiöser Bigotterie aufzunehmen.

Wer ein „Bright“ ist, der ist vielleicht eher links als rechts. Und er ist deutlich anders positioniert als der traditionell eher etwas naturwissenschaftsfeindliche linke Intellektuelle in Europa, der gerne – wie jüngst Jürgen Habermas auf der Frankfurter Adorno Konferenz – an jener „unüberbrückbaren semantischen Kluft“ festhält, die sich zwischen der Begriffswelt der Naturwissenschaftler auftut und dem Vokabular der anscheinend so glücklich mit den Geisteswissenschaften vermählten Alltagssprache.

Kurz gesagt: Die Brights sind (primär) keine Literaten oder Historiker. Allenfalls einige Philosophen angelsächsischer Prägung dürften sich unter ihnen finden. Mit ihnen präsentiert sich eine neue Generation von Intellektuellen, eine neue Kultur des öffentlichen Engagements von Wissenschaftlern, die nicht, wie der Philosoph Richard Rorty oder der Literaturwissenschaftler Noam Chomsky in den USA, als selbsterklärte Privatleute abseits ihrer professionellen Kompetenzen das Wort ergreifen, sondern die in ihrer Funktion als Wissenschaftler und Forscher neuen Bürgersinn zeigen wollen. Dabei treten sie gleichzeitig so aggressiv und so albern auf, dass man die ganze Sache vorschnell auch als großen Scherz abtun könnte.

Jeder kann mitmachen: Auf der Webseite www.the-brights.com kann man sich als Bright registrieren lassen. Man kann Buttons und T-Shirts bestellen und andere Brights in seiner Stadt kennen lernen. In Deutschland hat das internationale Netzwerk der Brights bereits Wurzeln in Düsseldorf und Hamburg geschlagen. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden die Brights wohl auf der ganzen Welt ihre Stimme erheben.

Doch zuvor muss noch die Vorarbeit geleistet werden. Der Kognitionswissenschaftler Daniel Dennett und Genforscher Dawkins haben damit schon begonnen – mit Aufrufen in der „New York Times“ und im britischen „Guardian“. Der Begriff „Bright“ muss unters Volk gebracht werden. Vorbild ist dabei die Diskurspolitik der Schwulenbewegung. Gleichgeschlechtlich Orientierte, die sich selbst nicht länger mit dem hässlichen Wort „homosexuell“ bezeichnen wollten, kaperten vor dreißig Jahren das Adjektiv „gay“, das in der Folge seine ursprüngliche Bedeutung im Sinne von „heiter“ so gut wie verloren hat. Auf gleiche Weise wollen die Freidenker und Atheisten sich des Kunst-Hauptworts „Bright“ bemächtigen. „Bright“ ist als Substantiv ein völlig neuer Begriff, der frei sein soll von historischen und kulturellen Konnotationen – frei von Ballast also, wie ein anständiger Naturalist mit selbstbewusster Naivität sagen würde.

Die Aufgeweckten also, die Hellen und Gescheiten. Diese Assoziationen soll die Wortneuschöpfung „Bright“ wecken, ohne dabei allerdings allzu ausdrücklich zu werden. Die Webseite gibt Musterbeispiele dafür, wie der neue Ausdruck verwendet werden soll. Auf jeden Fall sollen die Brights die Verwendung von „bright“ als Adjektiv vermeiden und auch auf Spielereien mit „ein Bright“. Allzu leicht könnte das einen eher arroganten als freundlich offenen Eindruck machen.

Denn unter dem Dach eines Weltbildes, das sich allein durch die vage Ablehnung von Esoterik und Glaubenssachen definiert, ist Platz für viel zu viele Ansichten, als dass man sich als „Naturalist“ bereits hervortun könnte. Sicher muss man bei der Betonung des „Naturalismus“ an eine Spezies von Wissenschaftlern denken, die zu allen Zeiten die Grenzen von Moral und Dogmen überschritten hat. An Leonardo da Vinci etwa und seine „Wissenschaft der Malerei“: „Keine menschliche Untersuchung darf sich rechtmäßig Wissenschaft nennen, wenn sie nicht mittels des mathematischen Beweisverfahrens vorgeht“, lautete ein Diktum in Leonardos Notizbüchern.

Keine Gewissheit bei rein geistigen Überlegungen! Oder, sehr viel später: Nichts sagen, als was sich sagen lässt: Sätze der Naturwissenschaft! Und immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen will, ihm nachweisen, „dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat“. Das war das Programm der Philosophen des Wiener Kreises, der „Neopositivisten“ und „Logischen Empiristen“ der 20er Jahre, vorgestellt durch den frühen Ludwig Wittgenstein.

Heute wird die Sache des Naturalismus durch Sympathisanten der neuen Biologie vertreten, die selbst das Zueinanderhalten von Eheleuten mit einem „Treu-Gen“ begründen wollen – oder Leuten wie dem Neurowissenschaftler Gerhard Roth, der nicht müde wird zu verkünden, dass der „freie Wille“ nichts als eine Illusion sei und das Gehirn ohne Bewusstsein des Subjekts entscheide.

Ihnen allen braucht sich jedoch ein Bright nicht anzuschließen. Man muss kein knallharter Verfechter des Alleinerklärungsanspruches der Naturwissenschaften zu sein, um dazuzugehören. Denn selbst so etwas wie die „Meme“ finden die Anerkennung der Naturalisten: jene durch Imitation übertragenen „Kultureinheiten“, als deren Erfinder Richard Dawkins berühmt wurde. Auch „Bright“ ist danach ein „Meme“. Trotz solcher Weitherzigkeit in Fragen der Wissenschaft ist die Spitze allerdings scharf gegen ein Ziel gerichtet: gegen die immer stärker religiös-fundamentalistischen Untertöne in der amerikanischen Politik und Kultur. Die Brights kämpfen für die Rechte der gottlosen Minderheit – der allerdings, wie Richard Dawkins weiß, immerhin 60 Prozent aller amerikanischen Wissenschaftler angehören und sogar 93 Prozent aller Mitglieder der National Academy of Sciences.

Wie hierzulande ein Kopftuch im Unterricht die Gerichte beschäftigt, so müssen diese sich in den USA damit auseinandersetzen, dass die Rechte von Nichtgläubigen nicht verletzt werden. Erst vor einigen Monaten hatte in Kalifornien ein Vater – ein Bright, wie er sich jetzt wohl nennen wird – dagegen geklagt, dass sein Kind in der Schule dem Vaterland „bei Gott“ die Treue schwören müsse. Ein Berufungsgericht gab ihm Recht: die Formel „under God“ sei wegen der Trennung von Kirche und Staat verfassungswidrig und dürfe daher in kalifornischen Schulen bei der täglichen nationalen Einschwörung nicht aufgesagt werden.

Bestandteil des Treueschwurs ist die Formel „under God“ übrigens erst seit den Zeiten des Kalten Krieges. Seit dieser Zeit wird auch „In God We Trust“ auf Dollarscheinen gedruckt. Präsident Bush und sein Justizminister Ashcroft setzten sich jetzt dafür ein, dass der Oberste Gerichtshof über den Fall entscheiden solle. Umfragen in den USA zeigen, dass diese Politik durchaus im Trend ist: Amerikaner würden eher jemanden zum Präsidenten wählen, der entweder schwarz, homosexuell, weiblich oder Mormone wäre, denn einen atheistischen Kandidaten.

Dass sich dieser Trend aber ändern könnte, zeigt das Vorbild der Schwulenrechtsbewegung. 1978 konnten sich nur 26 Prozent der Amerikaner vorstellen, für einen schwulen Präsidenten zu votieren. 1999 waren es schon 59 Prozent. Wenn die Kampagne der Brights zündet, hofft Richard Dawkins, werde sein Land vielleicht auch einmal einen hellen Präsidenten bekommen.

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