Kultur : Einen Kuchen backen, der Liebe wegen

Markus Huber

Seit ein paar Wochen macht sich die Frau an meiner Seite große Sorgen, und ich sage es nur ungern, aber das liegt an mir. Sie beobachtet mich, immer auf der Suche nach möglichen Veränderungen, sie durchforstet meinen Terminkalender, recherchiert, mit wem ich mich treffe und mit wem nicht, sie achtet auf meine Kleidung, meinen Schmuck, und neulich hat sie sogar eine Tube Dax-Haarwachs verschwinden lassen, einfach so. Natürlich macht sie das alles sehr diskret, aber bin ich

doof? Selbstverständlich bemerke ich ihre erhöhte Wachsamkeit. Vor allem, wenn mich meine Kumpels besuchen: Mimik, Gestik, zufällige oder absichtliche Berührungen, alles wird registriert. Seit kurzem kenne ich auch den Grund, denn ich belauschte sie, wie sie sich ihrer besten Freundin, genannt Mutti, anvertraute. Ich hätte mich so verändert, murmelte die Frau an meiner Seite, und dann stieß sie die bange Frage nach: "Sag, macht Backen schwul?"

Die Antwort der lebenserfahrenen Freundin konnte ich zwar nicht belauschen, aber immerhin weiß ich jetzt, was Sache ist. Der Eierlikörkuchen, den ich kurz vor Weihnachten erstmals ins Rohr schob, zum Beispiel. Der Marmorgugelhupf nach dem Rezept meiner Oma, die Prinzregententorte, die ich vorvergangenen Samstag meinem Freund A. auf den Tisch stellte, oder die Quarktaschen nach Anleitung von "Basic Baking", die so wenig Zeit kos-teten und so viel hermachen und nun im Gefrierschrank "auf überraschenden Besuch" warten.

Zugegeben: Es mag etwas komisch anmuten, dass ich als Mitglied der Freunde des Fastfood e.V. nach bald 28 Jahren meine Liebe zur Backstube entdecke. Dass ich in den Buchhandlungen meines Vertrauens nicht mehr die Belletristik-, sondern die Koch-Ecke ansteuere, und neulich für doch einige Euro Küchenutensilien anschaffte, die ich bis dahin noch nicht mal beim Namen kannte. Aber so ein Spritzbeutel ist doch wirklich etwas Feines.

Nach ihrem Telefonat stellte ich die Frau an meiner Seite zur Rede.

Ich hab dich belauscht, sagte ich, und schämte mich.

Ich weiß, sagte sie, und schämte sich auch.

Ich bin nicht schwul, sagte ich, und fühlte mich dabei sehr überzeugend.

Ich weiß, sagte sie, und ich glaubte ihr kein Wort. Schatz, das hat Berlin aus mir gemacht, sagte ich. Es ist so grausam kalt, es gibt kaum Sonne, man wird depressiv hier, und so ein Zuckerschock soll doch ein gutes Antidepressivum sein. Man muss nicht schwul sein, um dagegen etwas unternehmen zu wollen.

Für einen kurzen Moment dachte ich, sie hätte verstanden. Ich ging in die Küche und versuchte mich zur Feier des Tages an einer Schoko-Quark-Torte. Ich war sehr enttäuscht, als die Frau an meiner Seite partout kein Stück davon essen wollte. Meinem Freund A. hingegen, der nebenbei bemerkt sehr schöne, feingliedrige Hände hat, schmeckte sie ausgezeichnet.

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