Kultur : Einen wie mich kennt ihr nicht

Jörg Plath

Er ist harmoniesüchtig. Heftige Kritik verletzt ihn. Aber ausgenommen Günter Grass hat sich kaum ein Schriftsteller so oft öffentlich exponiert wie Martin Walser. Dennoch hofft er, "dass die Zuhörer, wenn ich den letzten Satz gesagt habe, weniger von mir wissen als bei meinem ersten Satz". Also hat sich Walser, der morgen 75 wird, immer wieder neu erfunden, als wolle der "literarische Experte für Identitätsbeschädigung" (Walser über Walser) das Schicksal seiner Figuren von sich abwenden: die Agonie, das Scheitern.

Früh schon, mit 10 Jahren, verlor der in Wasserburg am Bodensee geborene Walser den kranken Vater, einen kleinen Gastwirt und Kohlenhändler. Mit 12 schrieb er Gedichte und schleppte Kohlen, mit 14 half er an der Flak, mit 16 nahmen ihn die Amerikaner gefangen. 1955 erhielt Walser einen Preis der Gruppe 47, und seit dem Roman "Ehen in Philippsburg" (1957) lebt er als freier Schriftsteller am Bodensee.

Gut 20 Jahre später - das Engagement für die SPD, später für die DKP hat einer skeptischen Haltung Platz gemacht, die ausufernden "Ich-Oratorien" waren einer distanziert-ironischen Erzählweise gewichen - ist er einer der großen deutschen Autoren. Seiner Romanfamilie steht er erkennbar nahe: Anselm Kristlein ("Halbzeit", "Das Einhorn", "Der Sturz"), Helmut Halm ("Ein fliehendes Pferd", "Brandung") und Gottlieb Zürn ("Das Schwanenhaus") sind Kleinbürger, die sich in einer überlegenen Umgebung behaupten: deformierte Bürger einer "formierten Gesellschaft". So reich an Details, Sprechweisen und Umgangsformen sind die Erzählungen und 18 Romane, dass Walser ein Chronist des bundesrepublikanischen Alltags genannt wurde. Als das Thema Mitte der 80er Jahre erschöpft schien, trat das Nachdenken über die geteilte Nation in den Vordergrund.

Schon Walsers Romangestalt Gallistl hatte sich 1972 von kommunistischen Freunden nicht verbieten lassen, dass seine "Empfindung tief nach Pommern" reicht und er in die DDR "einreist und ausreist, wie es ihm passt". Doch als der Schriftsteller 1988 von der Sehnsucht nach Theaterbesuchen in Dresden und Leipzig sprach und mit der CSU diskutierte, wurde er für viele zum Prügelknaben. Heute ist diese Aufregung kaum mehr nachzuvollziehen. Walser aber geriet immer wieder in die Schlagzeilen, vor allem 1998 mit seiner Frankfurter Friedenspreisrede. Die mediale "Dauerpräsentation" des nationalsozialistischen Judenmords nennt er eine "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken", Auschwitz werde als "Moralkeule" missbraucht. In den leidenschaftlichen Auseinandersetzungen wurde danach oft übersehen, dass Walser nicht die deutsche Schuld ablehnte, sondern den rituellen Umgang mit ihr. Ignatz Bubis nahm denn auch nach einem Streitgespräch mit Walser die Vorwürfe "geistiger Brandstifter" und "latenter Antisemit" zurück. Walser nahm nichts zurück. Er fühlte sich bestätigt von Volkes Stimme, die sein Beharren auf der individuellen Auseinandersetzung mit der "Schande" allerdings oft als Aufforderung zum Schlussstrich verstand.

Im selben Jahr legte Walser einen wunderbaren Roman über seine Jugend im Dritten Reich vor. "Ein springender Brunnen" wird unbeschwert von späterem Wissen aus der Perspektive des Heranwachsenden erzählt. Da schien es, als ob der Intellektuelle und der Autor die Position gewechselt hätten: Während das frühe politische Engagement für eine humane Welt nun im Buch wieder eine Heimstatt findet, wird das resignative Opfergefühl seiner Romanfiguren in die politische Arena übertragen. Einen wie mich aber, augenzwinkert Martin Walser unter den buschigen Brauen, kennt ihr nicht.

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