Kultur : Einer flog über das Hauptstadtnest

ANDREAS KRIEGER

Tschechow kann so öde sein. Man lese nur die seitenlangen Personenlisten vor seinen Dramen! Mindestens zwei Dutzend Beteiligte, und jeder von denen hat wiederum mindestens drei Namen, die alle so ähnlich klingen, daß man bei der Lektüre ordentlich ins Schwitzen kommt: Wer ist da jetzt wieder wer? Was passiert da eigentlich? Wenig. Bei Tschechow wird gezögert, gesehnsüchtelt und geseufzt. Mehr nicht.Langes Reden auf höchstem Niveau zu kultivieren, damit begann Anton Tschechow früh. Das beweist seine selten gespielte Jugendsünde "Platonow oder Die Vaterlosen", die er als 18jähriger Medizinstudent schrieb und die erst 1920 aus dem Nachlaß gefischt wurde. Ein Werk aus Tschechows privater Sturm-und-Drang-Phase. Der Ton ist noch rauh, und doch spricht der Dramatiker schon Motive an, an denen er sich später in seinen Meisterwerken abarbeitete - die tragikomischen, quälenden Beziehungen, die sich aus unerwiderter Liebe ergeben, und die Unfähigkeit der Menschen, der Welt, unter der sie leiden, zu entfliehen.Auch Platonows traurige Genossen werden in Tschechows späteren Werken wieder auftauchen: Adlige Verlierer, verzweifelte Liebeskranke, dumpf Resignierte treffen sich auf dem abgewirtschafteten Gut der jungen Generalswitwe Anna Petrowna. Das Birkenwäldchen, das mittlerweile bei jeder fünftklassigen Inszenierung als Tschechow-Ambiente herhalten muß, deutet die Inszenierung von Katrin Hentschel und Wenka von Mikulicz nur als Stumpen an, ironisch. Auch die schwarzroten, dreckigen Wände des Theatersaales im Tacheles verströmen morbide Stimmung, da mußte Bühnenbildnerin Franziska Waldmann gar nicht nachhelfen.Damit es nicht so trist ist bei der Petrowna, hat sie sich einen Videorecorder gekauft. Auf die Wand werden Filmchen projiziert, in denen junge Menschen mit bunten Perücken assoziativ vor sich hin philosophieren. Eine hübsche Frau mit blauen Haaren versucht zu erklären, was Utopie bedeutet. U wie U-Bahn. TO wie tot. PIE wie PI, das Zeichen für Unendlichkeit. Utopie sei also eine Bahn, mit der man nie ans Licht kommt, die in die Unendlichkeit fährt und deren Bedeutung sich erst nach dem Tod lösen läßt.Michail Wassiljewitsch Platonow dürfte diese Erkenntnis schnuppe sein. Das Wort Utopie hat er - der von Felix Goeser schmerzhaft depressiv gespielte Realist - längst aus seinem Wortschatz gestrichen. Vom studentischen Freigeist, der er einst war, ist er zum frustrierten Dorfschullehrer mutiert. "Ein Zyniker ist ein Schwein, das alle Welt wissen lassen will, daß es ein Schwein ist", beschimpft der Arzt Triletzki den Dieb Ossip, hätte mit diesen Worten aber auch Platonow nicht besser beschreiben können. Von der schonungslosen Scharfzüngigkeit dieses Dämons mit der albernen blonden Perücke bleibt keiner unverletzt.Trotzdem wird Platonow von den Frauen geliebt, die wie die Schmeißfliegen an ihm kleben, obwohl er sich kaum Mühe macht, um ihre Zuneigung zu buhlen. Sei es die selbstbewußte Gutsherrin Anna (stolz: Juliane Ulbricht), die forsche Wissenschaftlerin Marja (schrill: Karen Heise), die intellektuelle Träumerin Sofia (süß: Aylin Esener) oder seine Frau Sascha (sanft: Nicole Tobler), die durchblicken läßt, daß sie gar nicht so naiv ist, wie sie mit ihren Gänseblümchen in den Locken aussieht - sie alle tanzen nach seiner Pfeife, pardon, nach seinem Klavierspiel. Die Sehnsüchte der Frauen aber kann Platonow nicht befriedigen.Große Sehnsüchte sind es! Sofia bricht sogar mit ihrem Ehemann, um mit Platonow durchzubrennen. Als der sie schließlich sitzen läßt, knallt sie ihn mit der Pistole ab. Der Hurrikan der Gefühlsverwirrungen, dessen Auge Platonow war, kommt abrupt zur Ruhe. Der Zyniker selbst erreicht nach seinem gewaltsamen Tod jene Schwerelosigkeit, die er sich wohl immer gewünscht hat. Eine Filmaufnahme zeigt ihn, wie er mit seinen Frauen über Berlin hinwegfliegt. Ein Happy-End?Wer glaubt, daß Tschechow nur was für Melancholiker ist, den kuriert die Aufführung der Studenten der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen. Derart quicklebendig agieren sie, so aufgeregt springen sie herum, daß der Staub aufwirbelt, der sich auf den apokryphen Text gelegt hat.Tschechow kann wirklich spannend sein.

Kunsthaus Tacheles, Oranienburger Str. 54 -56a, weitere Aufführungen: heute sowie 22. - 25. Juli, jeweils 20 Uhr.

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