Kultur : Einer kam durch

Ein

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von Kai Müller

Es gab da diesen Hirten, der die Verkündigung verpasste. In der Nacht, die wir heute als die „heilige“ kennen, sitzt er auf dem Feld und wärmt sich wie alle Hirten an einem Feuer. Er ist ungeduldig. Seine Frau erwartet in der nahe gelegenen Stadt Bethlehem ein Kind. Es ist ihr erstes Kind. Er müsste bei ihr sein. So springt er wortlos auf, als seine Schwägerin den finsteren Hügel emporgerannt kommt, um ihn zu holen, und läuft los. Er sieht nicht, wie sich in seinem Rücken der Himmel verfärbt. Er eilt durch die Straßen der Stadt. In seinem Kopf hämmert es. Ich werde Vater!

Die kleine Kammer, in der die Frau des Hirten vor Schmerzen schreit, ist nur spärlich beleuchtet. Öllampen hängen an den Wänden, das Licht flackert. Er darf nicht hinein. Durch einen Türspalt verfolgt er, wie seine Schwägerinnen ihre Schwester an den Schultern packen, sie aufs Lager pressen und durcheinander brüllen. Dann ist es still.

Ein würgendes Krächzen ist alles, was er hört. Ein Sohn! Er wird ihm bald darauf in Tücher gewickelt auf den Schoß gelegt. Das Wesen klebt und seine Lungen rasseln. Aber es ist ein Sohn.

Seiner Frau geht es schlecht. Tagelang sitzt er an ihrem Lager und hofft, dass sie wieder zu Kräften kommt. Einmal sieht er eine Karawane an seinem Haus vorüberziehen, die Kamele, mit Glocken und Schellen behängt, wanken im Ornat einer metallischen Klangwolke durch die Gassen. Drei Herren kann er erkennen. Es müssen fürstliche Priester sein, dass sie sich so viel Geräusch leisten können.

Als es der Frau des Hirten endlich besser geht und er zu seiner Herde zurückzukehren kann, erschüttern schwere Schläge die Haustür. Soldaten stehen davor. Es sind die Palastwachen des Königs. Sie stoßen den Hirten zur Seite und nehmen sein Kind. Sie tragen den schreienden Knaben auf die Gasse. Dort bohren sie ihm ein Schwert in den Leib.

Alle Söhne Bethlehems und der Umgebung, die nicht älter als zwei Jahre sind, werden an diesem Tag ermordet. König Herodes, der „Große“, der Erbauer des Tempels von Jerusalem, will es so. Niemand sagt dem Hirten und seiner Frau, weshalb es geschieht. Niemand kann sie trösten.

Hätte es ihnen geholfen zu wissen, dass ein Junge dem Massaker entging? Seine Mutter und deren Lebensgefährte flohen mit dem Säugling nach Ägypten. Dort warteten sie, bis Herodes starb, und kehrten in ihre Heimat zurück. Nach Bethlehem wollten sie nicht mehr.

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