Kultur : Einer wird gewinnen

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf begrüßt

Berlins neuen Tastenstar

So schnell arbeitet die CDIndustrie sonst nur, wenn das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker auf den Markt geworfen werden muss: Gerade mal einen Monat ist es her, dass der 25-jährige UdK-Student Severin von Eckardstein den Brüsseler „Concours Reine Elisabeth“ gewann, und schon liegt eine Drei-CD-Box des belgischen Labels Cyprés mit Livemitschnitten vom Wettbewerb vor. Der frenetische Jubel nach Eckardsteins Interpretation von Prokofjews zweitem Klavierkonzert lässt einen natürlich etwas wehmütig davon träumen, wie schön es wäre, wenn auch Berlin solch einen Pianistenwettbewerb von Weltgeltung besäße, und das Publikum in einer bis an den Rand gefüllten Philharmonie mitfiebern könnte.

Das ist leider reines Wunschdenken – bleibt nur, sich mit den Tonkonserven zu trösten. Die sind allerdings hoch spannend. Erstens, weil sie zeigen, wie überlegen Eckardstein tatsächlich seinen Mitbewerbern ist: Der Zweitplatzierte etwa, der erst 16-jährige Chinese Wen-Yu Shen, hat zwar fantastisch leichte Finger, aber Eckardstein spielt eben nicht nur virtuos, sondern hat auch Persönlichkeit. Wie geheimnisvoll und träumerisch er beispielsweise den Beginn des Prokofjew-Konzerts spielt, wie er einen großen Sound entwickeln kann, ohne jemals grob zu werden, das ist schon packend. Eckardstein ist nämlich kein Tastentober, sondern bewahrt auch bei Beethovens Sonate Opus 90 eine aristokratische Noblesse, ein souveränes Understatement, bei dem stets die großen Entwicklungslinien im Blick bleiben.

Dass solche Talente nur zu Siegerformat heranreifen, wenn sie während ihres Studiums genug Auftrittsmöglichkeiten bekommen, vergisst man über dem Jubel manchmal. In Berlin kümmert sich darum vor allem die Gotthard-Schierse-Stiftung, die in den letzten Jahren immer wieder die viel versprechendsten (und das bald auch einlösenden) Jungtalente präsentierte. Die diesjährige Reihe von Matineen im Musikinstrumentenmuseum beginnt am Sonntag mit dem Konzert des Ottomani-Quartetts , einer Vereinigung von vier Pianisten. Und da steht die Chance ja gar nicht so schlecht, dass mindestens ein künftiger Gewinner dabei ist.

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