Kultur : Eines dunklen Tages

Kleine Leute von nebenan: „Böse Zellen“ der Österreicherin Barbara Albert

Jan Schulz-Ojala

Glück ist, wenn man allein Auto fährt in der Nacht und einen Schlager mitsingt aus dem Radio. Glück ist, wenn man als Einzige einen Flugzeugabsturz überlebt und eines Tages wieder arbeiten kann als Kassiererin im Supermarkt. Glück ist, wenn man sich schüchtern verliebt in den dicken Polizisten vom Revier gegenüber, und man beobachtet ihn nachts vom Küchenfenster aus. Glück ist, wenn man ein „Wir machen Sie glücklich“-Fertighaus gewinnt und es besichtigt auf blassgrüner Wiese unter blassgrauem Himmel – ein Dutzendzuhause für später.

Glück ist seriell. Glück ist einsam. Glück ist ein unvermutetes Geschenk von der Stange. Aber: Man kann mal Glück haben wie Manu (Kathrin Resetarits) auf ihrem fürchterlichen Rückflug von Rio, und dann keines mehr, denn Schutzengel haben immer wieder anderswo zu tun. Ein Verkehrsunfall – und plötzlich ist der robuste Andi (Georg Friedrich) Witwer und seine kleine Yvonne (Deborah Ten Brink) Halbwaise; und der eher chaostheoretische als lebenspraktische Physiklehrer Lukas (Rupert Lehofer) und die manische Gerlinde (Marion Mitterhammer), die ihren Welthass allen ins Gesicht schreit, haben ihre Schwester verloren.

Mehr noch, der Unfall reißt mit dem Schüler Kai (Dominik Hartel) und der fortan querschnittsgelähmten Gabi (Nicole Skala) ein weiteres junges Paar auseinander. Immer mehr Risse und Lücken tun sich auf, Lücken aus Tod und Risse aus Schuld: Erinnerung an Geschwister, die früh ermordet wurden; an Eltern, die sich das Leben nahmen; an das eigene Leben schließlich, das man eines dunklen Tages wegwerfen will.

Von solcherart narbenüberwuchertem Alltag erzählt die junge Österreicherin Barbara Albert in ihrem zweiten Spielfilm, so wie sie in „Nordrand“ vom trüben Leben Wiener Vorstadtbewohner erzählt hat – und es scheint tatsächlich, als könnte in der gründlich zersiedelten Matrix zwischen Fußgängerzone und Disko, zwischen Einkaufszentrum und Zweizimmerhölle nichts Tröstliches gedeihen. „Böse Zellen“: Das kann der Krebs sein, der in einem Kind wuchert, das kann Andis Eigensinn sein, der die Restwelt benutzt oder weghält, das sind auch die unsichtbaren Gitterstäbe, die all die Menschenkäfige noch einmal im Weiten umschließen, kalt und fest. Und doch bleibt da die unausrottbar kindliche Sehnsucht nach Glück: Trifft einen der irre Zufall jenseits aller Tombolas, so kann man’s kaum fassen.

Ein trügerischer Jahreszeitenwechsel gliedert die kollektive Depression und die vereinzelten Ausbruchsversuche, von denen Barbara Albert in zwei Stunden erzählt. Und er führt ein paar Linien zusammen, von denen aus ein neuer Anfang zumindest geträumt werden kann. Da ist der nach dem Unfall in Schuldgefühlen erstarrte Kai, der der Außenseiterin Patricia (Désirée Ourada) näherkommt – und eines Nachts oder Tags, kein wirklicher Unterschied in Barbara Alberts Filmen, irrlichtern sie sich vielleicht aus ihrer Traurigkeit davon. Auch die dicke Polizistenschwärmerin (Gabriela Schmoll) findet vielleicht eine Liebe jenseits aller Illusion. Oder Andi: Mit der duldsamen Andrea (Ursula Strauss) und Tochter Yvonne gründet er vielleicht nochmal eine Art Familie, zieht vielleicht sogar ins „Wir machen Sie glücklich“-Haus. Vielleicht, vielleicht. Ein Netzwerk von Ungewissheiten. Ein Flickwerk von Fehlgefühlen. Das Leben geht weiter für alle, wenn es nicht irgendein Verrückter da oben im Himmel zerschneidet, und das ist schon das Beste, was man von hier unten aus sagen kann.

Zynisch sind diese österreichischen „Short Cuts“ nicht, die sich da, getragen von einem traumsicher agierenden Ensemble, vorsätzlich träge ineinander spinnen; von eher tiefen Schnitten wollen sie erzählen und treiben, von Selbstverletzung zu Katastrophe, von Schuld zu Ungesühntheit, immer argwöhnischer dem nächsten Schmerz und Alleinsein entgegen. So wirken die Seelenskizzen dieser Regisseurin ungleich quälender als jene ihrer Landsleute Michael Haneke und Ulrich Seidl: Wo der eine stets ebenso grandios wie monoton Beweis führt, dass einem eiskalt wird vor lauter Gottergebenheit, wo der andere mit teuflischem Vergnügen die Insassen seines Menschenzoos bloß zappeln lässt, da stellt Barbara Albert sich, ganz unauffällig, mitten hinein.

„Böse Zellen“ lädt den Zuschauer ein, mitzuspielen in dieser oder jener Geschichte, diese oder jene Zwangsjacke anzuprobieren, das Fieber zu messen der eigenen Finsternis. So ist der Film alles auf einmal: sanftmütig, schmerzhaft und, vor allem, genau.

FT Friedrichshain, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

0 Kommentare

Neuester Kommentar