Kultur : Eines Tages schaut uns aus dem Spiegel der Ghetto-Jude an

Die israelische Mentalität verändert sich: ein Brief aus Jerusalem über die Boykottwelle gegen Israel, nicht nur auf der Documenta, und über den neuen Untermieter Paranoia

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Von Arie Schorr

Menschen, die man hier trifft, nachdem sie einen Terror-Akt beobachtet haben - wie den Anschlag auf die Cafeteria der Universität in Mt. Scopus – , wirken anders als sonst. Sie haben diesen fremdartigen, düsteren Blick und sind überraschend still. Sie sind ganz anders als jene Israelis, die Sie vielleicht irgendwann mal getroffen haben. Sie sind in sich gekehrt. Jeder fragt: Wie lange wird das so weiter gehen? Wie wird das enden? Nur, um sich gegenseitig zu trösten, zu stärken.

Aber suchen Sie nicht nach einem Wandel der Ansichten, nach einem blitzartig frischen, klaren Verständnis der Situation, nach jemandem, der die Hand hebt und erklärt: Das ist es, was schief gelaufen ist. Alle, Rechte und Linke gleichermaßen, vergraben sich noch tiefer in ihre alte Lesart der Gegenwart, die Absätze in den Grund gestemmt. Mutter Erde. Heimat. Keine Kompromisse.

Niemand wird den Gesichtsausdruck und die Körpersprache eines Yitzhak Rabin vergessen, als er Arafat im Garten des Weißen Haus die Hand gab. Er wagte es, seine Meinung zu ändern, den Frieden zu wählen, eine neue Brille aufzusetzen – mit 75 Jahren!

„Four Women“, eine Gruppe hinterbliebener Mütter, die ihre Söhne auf den Schlachtfeldern verloren hatten, mussten hart kämpfen gegen die barsche Behandlung, die sie durch eine Öffentlichkeit erfuhren, für die sie arbeiteten. Trotzdem gaben sie nicht auf und konnten seinerzeit schließlich ihr Teil beitragen zum Rückzug der israelischen Armee aus dem Süd-Libanon. Heute, so scheint es, gibt es statt wirklichem Protest nur noch ein Vakuum; die Leute wissen nicht, gegen wen oder was sie ihren Protest richten könnten. Zu viele Israelis glauben, dass sie auf der gegnerischen Seite gar keine Partner haben; dass deshalb der Friedensprozeß keine Frage dieses oder jenes Führers ist.

Während der blutige Kampf jeden möglichen Weg zum Frieden blockiert, schauen manche Israelis in den Spiegel und sind erstaunt, dass etwas mit ihrem Selbstbild passiert ist: Ihre Identität steckt in einem Prozess der Veränderung. Die alte Identität hat sich als irreführend herausgestellt. Die äußere Schale ist nur eine dünne Schicht, die schuppt und kracht unter dem enormen psychischen Stress, mit dem wir leben. Unter dieser Schale mit ihrer porösen Oberfläche – schau mal wer da ist! Ein alter Bekannter starrt sie an: der Diaspora-Jude mit der Ghetto-Mentalität. Kaum zu glauben! Israelis, die sich selbst vom „Galuth“, dem Exil, distanzierten, die die Überlebenden der Shoa nicht wirklich akzeptiert haben, und die so stolz auf ihr Anderssein waren, darauf, eine neue, eingeborene Züchtung aus dem Mittleren Osten zu sein. Plötzlich müssen sie zugeben, dass der „Galuth“ tief in ihnen verwurzelt ist. Frucht eines Schuldkomplexes? Schlechtes Gewissen auf Grund der palästinensischen Notlage? Angst vor dem Verlust des ewigen Opfer-Status’?

Eines Tages kommt eine fremde Person mit einem breiten, jovialen Grinsen in unseren Salon. „Guten Abend“, sagt er. „Erkennt ihr mich nicht? Mein ist Paranoia, ab sofort lebe ich bei euch zur Untermiete. Keine Panik, zeigt mir nur euren Keller, damit ich ein paar Dinge dort ablegen kann.“

Israel ist kurz davor, eine mobilisierte, spartanische Gesellschaft zu werden. Es könnte sich auch weiterentwickeln zu einer offenen kreativen, selbstsicheren, prosperierenden Nation - eines Tages, wer weiß.

Aber im Moment scheint die Welt – mit Ausnahme der USA, Großbritanniens und, teilweise, Deutschlands – wenig Anteil an unserer Situation zu nehmen. An der letzten Documenta hatten noch sieben Israelis teilgenommen. Und diesmal? „Israel raus!“ Der einzige israelische Künstler in Kassel ist einer, der nicht in Israel wohnt: Eyal Sivan. Er zeigt seinen Dokumentarfilm über Massenmorde in Uganda...

Tag für Tag hören wir in den Medien, dass wir nun als „persona non grata“ betrachtet werden. Wir werden mit allen Facetten eines Boykotts bedroht, akademisch, wissenschaftlich, kulturell. Die Israelische Philharmonie muss Konzerte in den USA absagen: Der Versicherung war das Risiko zu groß, Zubin Mehta samt Musikern zu versichern. Der Fußballverein Beshiktash überlässt die Entscheidung, nach Istanbul zu fahren, eleganterweise Maccabi Tel Aviv: Wenn ihr kommt, müssen eben die nötigen Sicherheitsleute mitgebracht werden. 100 000 Dollar extra – peanuts, oder?

Wir werden als Aussätzige porträtiert, während unsere Künstler auf einem Drahtseil laufen, indem sie sich einfühlen in jeden, dem Unrecht geschehen ist – das ist das Holz, aus dem viele Künstler geschnitzt sind. Sie allein tragen das Risiko für ihr Handeln, obwohl das für viele bedeutet, Stipendien und öffentliche Gelder aufs Spiel zu setzen.

Eine weniger oberflächliche Auswahl hätte hervorragende Kunst nach Kassel bringen können (und auch sozialpolitischen Protest!): Solche Kunst, wie sie augenblicklich im Jerusalem Print Workshop ausgestellt wird. Demnächst soll die Ausstellung erweitert im Tel Aviv Museum zu sehen sein. Die Juden waren Nachzügler im Bereich der Bildenden Kunst, das Volk des Buches hatte in der Vergangenheit zunächst wenige Künstler hervorgebracht,. Diese Ausstellung mit dem Titel „Running Words: On Writing in Prints“ zeigt Arbeiten, die pathetisch und humorvoll den Dialog zwischen Wort und Form ironisieren. Taktiken und Techniken sind unterschiedlich, die Stimmungen variieren. Das Wort-Material wurde biblischer und moderner Poesie entnommen, geistlichen Texten, persönlichen Äußerungen, offiziellen Dokumenten und, natürlich, Idiome aus dem Medienalltag. Einigen Arbeiten gelingt es, mit ihrer Intimität den Betrachter zu berühren. Andere sind kühl, philosophisch.

Hilla Lulu Lin reißt die Decke von Klischeebegriffen der Alltagssprache und der Kriegsberichterstatter, die mit einer „erfolgreichen, chirurgischen Operation“ gegen die Anführer des Terrors prahlen. Gegen solchen Sprachgebrauch hat bereits Amos Oz seine Stimme erhoben, niemand wollte ihn hören: Ausgehend von der Kontamination der Sprache kritisierte er die Entwicklung einer Gesellschaft, die auf der Akzeptanz von Lügen basiert. Wenn Hilla Lulu Lin eine ihrer Arbeiten „a ticktickticking bomb“ nennt, meint sie einen Selbstmordattentäter; für uns löst das Wortspiel auch eine zynische Assoziationskette um Süßigkeiten aus, die Bombe ist im Hebräischen auch eine scharfe Braut. Die Arbeiten von Moshe Gershuni und Michael Sgan-Cohen sind aufgeladen durch Auseinandersetzungen mit der jüdischen Tradition

Thema Sprache: Die Römer im alten Palästina wollten jeden grausam bestrafen, der die Torah in einem Beit-Midrash oder im Geheimen lehrte oder studierte. Seit damals hat sich bei uns die idealisierte Beschreibung von „Schülern, die getötet wurden, weil sie die Thora studierten“, entwickelt. Die heutigen Jünger dieses Ideals sind ultraorthodoxe „charedin“, die „Gottesfürchtigen“ – Bürger von Jerusalem, Banei-Braq oder Hebron, die weder arbeiten noch Steuern zahlen noch Militärdienst leisten, während sie behaupten, dass ihre Beschäftigung mit der Thora uns eher retten werde als der Einsatz echter Soldaten, die gelegentlich Blut vergießen.

Ein komisches Land, Israel,. Aber die Lage könnte sich, ganz plötzlich, sehr verschlimmern. Die Zeit arbeitet gegen uns. Lasst uns etwas tun, um Nüchternheit in dieses Land, in diese Region zu bringen.

Aus dem Englischen übersetzt von Esther Kogelbohm.

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