Kultur : Einfach anfangen, niemals aufhören

Für Robert Wilson und „Leonce und Lena“ kehrt Herbert Grönemeyer ans Theater zurück

Christian Schröder

Worum geht es eigentlich in „Leonce und Lena“? „Gute Frage“, sagt Herbert Grönemeyer. „Ich glaube, es ist eine Komödie über die Mentalität der Deutschen. Die Deutschen nehmen die meisten Dinge furchtbar ernst. Sogar sich zu langweilen, kann harte Arbeit sein. Darüber macht Büchner sich lustig. Büchner war so etwas wie der deutsche John Cleese.“ Und wie sieht Robert Wilson den Klassiker? „Es ist ein Märchen voller Überraschungen. Ein Meisterwerk kann alles sein: Tragödie, Komödie, alles. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an.“ Ob Wilson eher tragisch oder eher komisch oder noch ganz anders auf das Drama über den Prinzen Leonce aus dem Reiche Popo und die Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi blickt, das werden wir erst am 1. Mai wissen. Dann hebt sich im Berliner Ensemble der Vorhang für Wilsons Version des Büchnerschen Lustspiels, für die Grönemeyer die Musik liefert. In den Hauptrollen: Walter Schmidinger (König Peter), Markus Meyer (Leonce), Nina Hoss (Lena) und Stefan Kurt (Valerio). Freitagabend im Hinterhof des Berliner Ensembles. Freundliche Mitarbeiterinnen weisen der kurzfristig zusammentelefonierten Pressemeute den Weg ins Obergeschoss der Probebühne. In der Mitte des Saals steht ein gut ausgeleuchteter Tisch, dahinter öffnet sich ein weiter leerer Raum, der an sechs blauen Pfeilern endet. Vielleicht ist dies überhaupt keine Pressekonferenz, sondern selber schon eine der für ihre Kargheit berühmten Inszenierungen Wilsons. Vierzig Journalisten verteilen sich im Zuschauerraum, der Eingang ist von Kameramännern mit geschultertem Arbeitsgerät abgeriegelt. Um kurz nach acht quert Grönemeyer die Bühne, verschwindet hinter dem Vorhang, kommt zurück, setzt sich an den Tisch. Die Kameras schwenken hinterher. Auftritt Wilson von links. Er nimmt neben Grönemeyer Platz, lächelt erwartungsfroh. Die Moderatorin spricht von einem „anstrengenden Probentag“, der hinter Wilson und dem Ensemble liege. Fragen?

Zwei Baucharbeiter gehen in Klausur

Mit „Leonce und Lena“ kehrt Grönemeyer ans Theater zurück. Bis 1981 stand er in Bochum, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Köln auf der Schauspielbühne, er drehte dann noch „Das Boot“ und den Fernsehmehrteiler „Väter und Söhne“. Seitdem ist er nur noch Rockstar. Als ihn Wilson zu dem BE-Projekt einlud, habe er sich „extrem geehrt“ gefühlt. Der texanische Regisseur und der westfälische Sänger kennen sich seit den frühen Achtzigerjahren. Damals hatte Grönemeyers Frau Anna in Wilsons Stück „CIVIL warS“ am Kölner Schauspielhaus mitgespielt. Wilson und er seien sozusagen Seelenverwandte, findet Grönemeyer. „Er arbeitet mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf heraus. Das gefällt mir. Wilson ist eine Art Rock-Theaterregisseur.“

Seinen Darstellerjahren trauert Grönemeyer – gestern feierte er seinen 47. Geburtstag – keineswegs hinterher. „Ich glaube nicht, dass ich dem deutschen Theater einen Jahrhundertschauspieler vorenthalte.“ Er konzentriert sich auf das, was er am besten kann: Musik. Für „Leonce und Lena“ hat Grönemeyer nicht bloß die Songs, sondern auch deren Texte geschrieben, die eher frei an Büchner angelehnt sind. Die Rohfassung des Soundtracks entstand in einer zehntägigen Klausur mit Wilson (61), die Endfassung wird bei der Probenarbeit nach dem Prinzip von Ausprobieren, Verwerfen, Bessermachen erstellt. „Wir haben einfach angefangen und machen immer weiter“, sagt Wilson. Was die Theatergänger im BE erwartet, ist keine Rockmusik, „es klingt sentimentaler“, verspricht Grönemeyer. Gespielt wird die Musik von einem achtköpfigen Orchester, singen werden die Schauspieler. Ob Grönemeyers Kompositionen den Weg auf eine CD finden sollen, ist noch nicht entschieden.

Bevor das Gespräch nach vierzig Minuten endete, erzählte Wilson noch eine Anekdote. Sie handelt von einem Psychiater, der von einem Patienten bestohlen wird. Am Ende hypnotisiert der Psychiater den Patienten und sagt ihm: „Sie sind ein Detektiv! Fassen Sie den Dieb!“ Was das mit „Leonce und Lena“ zu tun haben sollte, war unklar, aber hübsch war die Pointe trotzdem. Wahrscheinlich geht es in Wilsons Theater genau darum: immer wieder überrascht zu werden.

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