Kultur : Einfach kompliziert

MARTIN WILKENING

Das Einfache in der Kunst ist das Komplizierteste, nicht nur, weil, wie schon länger bekannt, das Einfache schwer zu machen ist und deshalb einer besonders heiklen Dialektik entspringt, die es auch, in aller Einfachheit, noch vermitteln muß, sondern erst recht dadurch, daß spätestens seit Cage in der Musik auch eine Einfachheit ihr Recht behauptet, die ganz undialektisch, positiv einfach daher kommt, und so (aber wie?) auch gehört werden will.Das Programm, das der amerikanische Komponist Christian Wolff für das Ensemble UnitedBerlin und die Reihe "Woher-Wohin? Komponieren heute" im kleinen Saal des Konzerthauses zusammengestellt hatte, verwies in verschiedenen Facetten auf solche Art Einfachheit.Die Naivität, mit der Howard Skempton, ein Schüler von Cornelius Cardew, in vier kleinen Stücken nach Ausdruck jenseits avantgardistischer Komplexität zu streben scheint, verfängt sich allerdings prätentiös in kaum kontrollierten, Stereotypen einer verbrauchten Sprache.Auch Alvin Luciers "Islands" überzeugen weniger durch Inspiration als durch den Spaß eines nach Kalkül durchgezogenen Experiments, bei dem fast fest montierte Snare drums durch die Schwingungen einer langsam aufsteigenden Reihe von Mikrointervallen in Resonanzschwingungen versetzt werden.Was als Musik im Raum, um die sich die Zuhörer herum bewegen können, Sinn machen würde, erschien so, von der Bühne herab exekutiert, schlicht langweilig.Für die "grass roots" der jungen Amerikanerin Krystyna Bobrowksi hatten die Musiker um Christian Wolff eine Lösung gefunden, die den ganzen Raum einschließlich der Balkone mit einschloß."Grass roots" als eine Gesellschaftsmetapher entwickelt seine teilweise improvisatorischen Verläufe durch Vernetzung im wörtlichen Sinn, Verbindungen der Musiker durch Seile, über die sie durch Zug kommunizieren können.Vor allem aber sind die "grass roots" mit ihrem reduzierten Material zwischen Geräusch und Klang eine faszinierende Klanglandschaft von großer imaginativer Kraft.Eine ähnliche Kommunikationsmetaphorik vernetzter Verläufe benutzt auch Christian Wolffs "Memory", hier allerdings ganz ins Innere der Musik gewendet, deren musikalische Verläufe in einer ständig mobilen Hierarchie der Stimmen von einem Instrument zum anderen wechseln - auch ein Gesellschaftsmodell, das bei aller Sprödigkeit im Klang spannend zu verfolgen war.Favorit des Publikums im gut besuchten Saal war Frederic Rzewskis "Crusoe", Rezitationsstück und minimalistisches Musiktheater, das seine anklagende Zivilisationskritik zwischen musikalisch konstruktivistisch hart gefügten Ritornellen in Textfragmenten aus "Robinson Crusoe" und reduzierten gestischen Aktionen ganz unsentimental vortrug.

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