Kultur : Einfach Maler sein

Zu Unrecht verkannt: Dresden rehabilitiert Ludwig Richter mit einer großartigen Ausstellung als Hauptvertreter der deutschen Romantik

Bernhard Schulz

Von einem „volkstümlichen“ Künstler zu sprechen, ist heute kaum mehr möglich. Was einmal zum Kernbestand des kollektiven Bildvorrates rechnete, ist heute von den Massenmedien hinweggespült.

Ludwig Richter war ein volkstümlicher Künstler. Seine Grafikfolgen zur Bibel oder in „Ludwig Bechstein’s Märchenbuch“ lagen in jedem bürgerlichen Haushalt griffbereit. Richter war etwas fürs deutsche Gemüt. „Beschauliches und Erbauliches“ hieß ein „Familien-Bilderbuch“, das 1853 erschien. Das Datum ist bezeichnend. Vier Jahre zuvor erst war die Revolution kläglich zusammengebrochen, die einen bürgerlichen Nationalstaat hätte schaffen können. In seiner Heimatstadt Dresden hat Richter den Barrikadenkampf von Anfang Mai 1849 miterlebt. Doch seine Biografie vermerkt für dieses Jahr neben längeren Wanderungen zwei Reisen nach Belgien, um Meisterwerke der altniederländischen Malerei zu bewundern.

Es ist also keine ganz leichte Aufgabe, Ludwig Richter einem heutigen Publikum nahe zu bringen. Der Anlass, kalendarischer Natur, liegt nahe: Am 28. September jährte sich der Geburtstag des Malers und Grafikers zum 200. Mal. Die Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hat zu diesem Datum eine Ausstellung allein den Gemälden Richters gewidmet. Anders als vor 19 Jahren, als dieselbe Institution, damals allerdings inmitten der DDR, eine ausufernde Retrospektive aus Anlass des 100. Todestages zusammenstellte, bleiben diesmal die Holzschnitte und Illustrationen ausgespart. Es geht um eine Rehabilitation Richters als Maler; und Maler hat er immer sein wollen, ehe er sich mit dem Brotberuf des Grafikers abfand und darin schließlich Verdienst und Anerkennung fand, wie er sie für seine Malerei vergeblich ersehnt hatte.

Wanderweg, Lebensweg

Dabei waren Richters künstlerische Anfänge viel versprechend. Von seinem Vater erhielt der 1803 in Dresdens Vorort Friedrichstadt – wo genau ein Jahrhundert später die Expressionisten der „Brücke“ zusammentrafen – geborene Ludwig Richter früh Zeichenunterricht, und bereits im Alter von 10 Jahren nahm er an der alljährlichen Akademie-Ausstellung teil. Mit 12 Jahren begann er ein Kunststudium, mit knapp 20 schließt er es ab und kann dank privater Förderung auf die für Künstler damals obligatorische Rom-Reise gehen. Die folgenden knapp drei Jahre werden die hoffnungsvollste, die glücklichste Zeit seines Lebens.

Später schwärmt er vom Eindruck „so großer Menschen, so herrlicher Werke, so schöner Natur“ und formuliert auf seine Weise den Dreiklang von Mensch, Kultur und Natur, der das Italienerlebnis von Generationen prägte. In Rom und im abgeschiedenen Bergdorf Civitella findet Richter, der sich dem anerkannten Landschaftsmaler Joseph Anton Koch anschließt, zu seiner Vorstellung von Malerei als des Ausdrucks inneren Empfindens. Die bloße Naturwiedergabe reicht dafür nicht. „Mein immerwährendes und vergebliches Bemühen,“ – notiert er im Tagebuch – „in der Landschaft meine besten und höchsten Gefühle auszusprechen (was doch der Zweck der Kunst ist) hat endlich einen Ausweg gefunden. Muss ich denn nun grade Landschaftmahler seyn? Warum nicht schlechtweg Mahler?“

Einfach Maler sein: Das versucht Richter in einer idealen Landschaftsmalerei, in der die Figurendarstellung und die damit verbundenen allegorischen und erzählerischen Möglichkeiten einen auch optisch herausgehobenen Platz einnehmen. Das unterscheidet Richter von dem eine Generation älteren Zeitgenossen Caspar David Friedrich, der seine Figuren meist einer überwältigend großen Natur ausliefert. Die Idealität seiner aus gezeichnet festgehaltenen Eindrücken komponierten Landschaften hingegen trennt ihn scharf vom Naturalismus der nachrückenden Düsseldorfer Schule.

Richters malerisches Œuvre blieb schmal. Zurück aus Italien, musste er sich nach anderthalbjährigem Dresdner Intermezzo als Zeichenlehrer in Meißen verdingen; ein als Fron empfundener Brotberuf, aus der ihn erst die Auflösung der Schule erlöst. Ende 1836 wird er an die Königlich-Sächsische Kunstakademie seiner Heimatstadt versetzt, 1841 zum Professor für Landschaftsmalerei ernannt – zu einem Zeitpunkt, da sich seine Tätigkeit längst auf die einkömmliche Buchillustration zu verlagern begonnen hatte. Insgesamt dürfte Richter wohl nur sechzig Ölgemälde geschaffen haben – gegenüber allein 2600 Holzschnitten.

Gut vierzig der Gemälde sind nun in Dresden versammelt – bis auf Verluste, etwa beim Brand des Münchner Glaspalastes 1931, und verschollene Werke nahezu der gesamte zugängliche Bestand. Damit reicht die jetzige Ausstellung über ihre Vorgängerin hinaus, die stattdessen Zeitgenossen Richters einbezog. Während sich der Großteil des Bestandes in den Museen von Dresden und Leipzig befindet, konnten zwei Eckpfeiler des Œuvres anderenorts hinzugeliehen werden: „Der Watzmann“ aus München und „Der Bergsee im Riesengebirge“ in Berlin. Beide Bilder sind untypisch für Richters Werk, bezeichnen aber die Möglichkeiten, die es einschließt. „Der Watzmann“ von 1824 ist überhaupt das früheste ausgeführte Gemälde und gleich von höchstem Anspruch: eine Gebirgslandschaft, der das Vorbild von Kochs „Schmadribachfall“ anzusehen ist und das gleichwohl einer eigenständigen Komposition folgt. Hier ist die ideale, erhabene Landschaft, doch zugänglich und bejahend. Es wäre überaus reizvoll gewesen, daneben C.D.Friedrichs ein Jahr später – und als Reaktion – entstandenes Gemälde desselben Motivs zu sehen, das das Hochgebirge als „unnahbare Präsenz des Göttlichen in der Welt“ interpretiert, wie in dem vorzüglichen, ganz klassisch als Werkverzeichnis angelegten Katalog zu lesen ist.

Friedrichs Auffassung nahe wie sonst nie kommt Richter im 1839 entstandenen Riesengebirgsbild. Da wird die düstere, nur in einem hellen Himmelsausschnitt freundlichere Landschaft zur Allegorie des Lebensweges, den der windzerzauste Wanderer im Vordergrund verkörpert. Das Bild stieß übrigens in Dresden noch 1877 auf Ablehnung – und kam so in die soeben erst eröffnete Nationalgalerie nach Berlin.

Italien liegt in Böhmen

Zwischen diesen Werken liegt Richters höchst eigene, italienisch geprägte Auffassung der Landschaft. Tief religiös, bevorzugte der Maler besinnliche Darstellungen ländlicher Frömmigkeit, Andachten und böhmische Kirchlein. Die Hinwendung zur heimischen Landschaft ist zugleich das unausgesprochene Eingeständnis, die als so groß empfundene Natur des Südens nicht mehr gewinnen zu können, das Eingeständnis des Sich-Einrichten-Müssens in den sächsischen Verhältnissen. Die Biedermeierlichkeit Richters ist weit weniger Ideologie als Widerspiegelung der eigenen Lebensumstände.

In dieser Beschränkung aber gelingen Kompositionen, die zum Besten der deutschen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts zählen. Das gilt für die „Böhmische Hirtenlandschaft“ von 1841, die mit dem Regenbogen und der in dessen Richtung ziehenden Hirtengruppe die als Pilgerschaft verstandene Lebensreise veranschaulicht, von der schon der junge Künstler spricht.

Gefeiertes Hauptwerk aber ist „Die Überfahrt am Schreckenstein“ von 1837, ein Programmbild der Spätromantik überhaupt. Mit ihm beginnt die Würdigung der sächsisch-böhmischen Landschaft – die Richter überhaupt nur anstelle einer aufgegebenen Italienreise für sich erschloss. Die Figurengruppe in dem eigentümlich richtungslos im Fluss treibenden Boot vereint jung und alt, die Bootsfahrt selbst gibt das Gleichnis vom Lebensschifflein im Sturm des Lebens; golden überglänzt vom abendlichen Himmel als dem Versprechen der göttlichen Ewigkeit. In der Einheit von Landschafts- und Figurendarstellung und der dadurch – anders als bei Friedrich – unmittelbar möglichen Identifikation des Betrachters mit dem Bedeutungsgehalt liegt die besondere Leistung Richters.

Darin liegt auch die Nähe zu dem, was aus heutiger Sicht kitschig wirkt. Vor dem bloßen Kitsch bewahrt den Maler seine stupende Könnerschaft; aber die Aussage von Bildern wie der „Abendandacht“ ist heute, wo der Begriff „Volksfrömmigkeit“ nur mehr im Lexikon vorkommt, unverständlich geworden.

Populär in unzähligen Reproduktionen wurde schließlich „Der Brautzug im Frühling“, das gegen Ende seiner malerischen Tätigkeit entstand. In der Schwebe zwischen Erzählung und Sinnbild gehalten, blieb es unterschiedlichster Deutung zugänglich – und ein Trostbild für die Enge kleinbürgerlichen Daseins im 19. Jahrhundert.

„Das malerische Werk“, schreibt der Kurator der Ausstellung, Gerd Spitzer, „blieb nicht eigentlich Fragment, aber doch unvollendet im Hinblick auf die ursprünglichen Absichten, Hoffnungen und Erwartungen.“ Es ist wohl dieser melancholische Unterton, der Ludwig Richters Gemälde auch für heutige Betrachter anziehend macht.

Die Dresdner Ausstellung setzt den Maler in sein volles Recht, aber sie lässt auch die Grenzen erkennen, die Richters künstlerischem Verständnis gesetzt waren. Vor (und neben) ihm war Friedrich, nach ihm kamen die Düsseldorfer; und noch zu Lebzeiten, da Richter überhaupt erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu Ruhm und Ehren gelangte, entstanden Pleinair-Malerei und Impressionismus. Die verspätete Nation, die Deutschland war, sie spiegelt sich auch in einem scheinbar so geschichtsfernen Werk wie dem von Ludwig Richter.

Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister (Brühlsche Terrasse), bis 4. Januar 2004, anschließend München. Katalog im Deutschen Kunstverlag 24,90 €, im Buchhandel 39,90 €.

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