Kultur : Eingriff in die Wirklichkeit

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Lebendiges, impulsives Theater zu machen, gerade unter den schwierigen, einengenden kulturpolitischen Gegebenheiten in der DDR, war die Aufgabe, die Horst Schönemann mit Leidenschaft, Fantasie und Zähigkeit zu erfüllen versuchte. Er liebte die Schauspieler, er formte Ensembles in Berlin, Halle und Dresden, er wollte seinem Publikum Zuversicht vermitteln, Überlegenheit gegenüber den Misslichkeiten des Alltags. Schönemann glaubte lange an die Möglichkeit, mit dem Theater so ins Leben einzugreifen, dass es tieferen Sinn, größere Kraft gewinnen könnte. Mit dem Spiel auf der Bühne wollte er Wirklichkeit erkennbar machen, aufregend zeigen und verändern.

Geboren in Wuppertal, löste Schönemann nach Anfängen am Deutschen Theater Berlin und in Senftenberg das Berliner Maxim Gorki Theater zwischen 1959 und 1966 als Regisseur und Oberspielleiter aus ideologischer Verkrustung. Er schuf die komödiantisch glanzvolle, viele hundert Mal gespielte Aufführung der „Reise um die Erde in 80 Tagen“ von Pavel Kohout nach Jules Verne und verabschiedete sich nach vielen gelungenen Arbeiten mit einer denkwürdigen Interpretation von Brendan Behans „Die Geisel“ – voller Schwermut, Zorn und bissiger Heiterkeit.

Am Gorki begann der Weg Kurt Böwes, dort hatte Alfred Müller, mit aus Senftenberg gekommen, große Erfolge, und Jutta Hoffmann spielte bei Schönemann ihre erste bedeutende Rolle am Theater. Von 1966 bis 1972 Schauspieldirektor am Landestheater Halle, machte der Regisseur dieses Theater gemeinsam mit dem Intendanten Gerhard Wolfram zu einem Ort spannungsvoller Auseinandersetzungen über das Leben in der DDR („Die Aula“ nach Hermann Kant, „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf) und eröffnete eine ganz neue, freie Sicht auf klassische Dramen („Faust I"). Nach wenig glücklichen Arbeitsjahren am Deutschen Theater (1972 bis 1979) führte Schönemann das Staatsschauspiel Dresden an die Spitze des DDR-Theaters.

Die Dresdner Schauspieler waren es auch, die im Herbst 1989 „aus ihren Rollen heraustraten“ und die gesellschaftliche Wende mit vorbereiteten. Am 14. Juni ist Horst Schönemann nach langer schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben. Christoph Funke

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