Kultur : Einhändige Lektüren

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, kommentiert abwechselnd die „Spiegel“Bestsellerliste Belletristik und Sachbuch, parallel zu seiner Fernsehsendung „Druckfrisch“ in der ARD (heute, 23 Uhr 30, zu Gast Wilhelm Genazino, Minette Walters, Leander Scholz).

10) Nedjma: Die Mandel (Deutsch von Eliane Hagedorn und Bettina Runge, Droemer, 249 Seiten, 18 €)

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Eine junge Frau in einem Dorf in Marokko bricht aus ihrer Zwangsehe aus, begegnet in Tanger einem Mann, dem sie in sexueller Abhängigkeit verfällt, und lebt fortan als Edelhure. Angeblich ist dies das Dokument der Emanzipation einer muslimischen Frau. Ich habe lediglich eine abgeschmackte und knallhart kommerziell kalkulierte Wichsvorlage vor islamischen Kachel-Dekor gelesen.

9) Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein (Deutsch von Ina Kronenberger, Hanser, 560 Seiten, 24,90 Euro)

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Die Liebe zwischen einer magersüchtigen Malerin und einem Sterne-Koch, eine schrille WG und das Multikulti-Leben in Paris: Das ist der Stoff dieses sehr unterhaltsamen Romans. Doch Gavaldas Buch fühlt sich schrecklich unwohl in seiner Haut, es ist nämlich so etwas wie der verzauberte Frosch im Märchen und will eigentlich ein Film sein, deshalb besteht es auch hauptsächlich aus Dialogen, die unentwegt flüstern: Erlöse mich und bring mich auf die Leinwand! Aber man kann es küssen, wie man will, es bleibt eben doch ein Buch. Vielleicht sollte man es mal kräftig gegen die Wand werfen?

8) Cecilia Ahern: Für immer vielleicht (Deutsch von Christina Strüh, Krüger, 448 Seiten, 16 Euro 90)

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Weil Ahern die Liebesgeschichte ihrer im Grunde illiteraten Figuren ausgerechnet als Briefroman erzählen will, muss sie die tollsten Kapriolen schlagen, um die Handlung in Form von E-Mails, SMS und Chats zu verpacken. So knackdoof wurde lange nicht mehr erzählt, wie Gretel zu und auf ihren Seppel kommt. Gretel und Seppel heißen, weil das Ganze in Irland spielt, bei Ahern Alex und Rosie, sonst ist aber alles ganz wie im Kasperletheater. Und deshalb ist dieses Buch nichts als Krokodilfutter.

7) François Lelord: Hectors Reise (Deutsch von Ralf Pannowitsch, Piper, 187 Seiten, 16,90 Euro)

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Ein Psychiater geht auf Weltreise, weil er herausfinden möchte, was Glück ist. Lelord variiert den Trivialliteratur-Klassiker von der Nutte mit dem goldenen Herzen um die Variante des Freiers mit dem goldenem Herzen und wiederholt im Sandmännchen-Ton die alte Weise, mit der auf Machterhalt und Besitzsicherung bedachte Gesellschaften schon immer zweifelnde Seelen ruhig gestellt haben: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. Wer’s glaubt...

6) Frank Schätzing: Der Schwarm (Kiepenheuer & Witsch, 1008 Seiten, 24,90 Euro)

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Stellen wir uns vor, in der Tiefe unserer Ozeane hätte sich parallel zum Menschen eine zweite intelligente Lebensform auf der Erde entwickelt. Und stellen wir uns weiter vor, diese Intelligenz habe den Menschen gründlich satt. Frank Schätzing erzählt klug von einem Krieg der Welten: großartige Science Fiction und das Spannendste, was sich auf dieser Bestsellerliste findet.

5) John Grisham: Die Begnadigung (Deutsch von Bernhard Liesen und zu vielen anderen, Heyne, 478 Seiten, 22,90 Euro)

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Grüezi Herr Grisham! Reden wir mal über Geld. In Ihrem neuen Thriller, der besser als Ihre letzten und recht spannend, aber lausig recherchiert ist, bezahlt Ihr Held in der Schweiz fortwährend mit Euro. Wenn Sie mir eine Million Euro geben, gebe ich Ihnen Millionen Schweizer Franken und verrate Ihnen den Unterschied zwischen beiden. Obendrein und gratis gibt’s von mir noch den Rat, dass nur ein Löli über etwas schreibt, von dem er nichts versteht – gell Sie?

4) Alina Reyes: Die siebte Nacht (Deutsch von Gaby Wurster, Bloomsbury Berlin, 84 Seiten, 12 Euro)

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Noch ein Buch, das zur einhändigen Lektüre bestimmt ist – ein SM-Brunstfetzen über eine unterwürfige Frau, die sieben Nächte von ihrem Geliebten einer erotischen Disziplinierung unterworfen wird und jeden einzelnen Moment davon genießt. In ihrer in jeder Hinsicht dünnen Erzählung, die gerade mal 50 Manuskriptseiten umfasst und unverschämterweise als Roman bezeichnet wird, schreibt Alina Reyes: „Würde man über jedes Wort, das man sagt, nachdenken, würde auf der Welt große Stille herrschen.“ Hätte Frau Reyes über jedes Wort nachgedacht, das sie schreibt, wäre ihr mit Dichtersprüchen von Keats bis Kafka garnierter Porno gewiss noch kürzer geworden.

3) Henning Mankell: Die Tiefe (Deutsch von Verena Reichel, Zsolnay, 416 Seiten, 21,50 Euro)

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Schweden im Ersten Weltkrieg. Ein Marineoffizier ist besessen davon, neue Fahrtrouten in den Schären vor Stockholm auszumessen. Er ist stolz darauf, seine Psyche so exakt kalibriert zu haben wie seine Instrumente – bis er auf eine Frau trifft, die sein Leben buchstäblich aus dem Lot bringt. Der neue Mankell ist kein Krimi und zum Glück auch keines seiner afrikanischen Gutmenschentraktate, sondern ein ambitioniertes und in jeder Hinsicht profundes Buch über die Untiefen der menschlichen Seele.

2) und 1) Dan Brown: Diabolus (Deutsch von Peter A. Schmidt, Lübbe, 524 S., 19,90 Euro) und Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, Lübbe, 606 S., 19,90 Euro)

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Der Unterschied zwischen diesen beiden Romanen ist schnell erklärt: „Diabolus“ auf Platz zwei erzählt von einem Virus im Supercomputer des amerikanischen Geheimdiensts und ist Schund, aber langweiliger Schund; „Sakrileg“ auf Platz eins handelt von den Kindern von Jesus Christus und ist ebenfalls Schund, aber spannender Schund.

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