Einheitsdenkmal : "Kunst hat mit Demokratie relativ wenig zu tun"

Haben die Künstler in der Jury den Wettbewerb zum Einheitsdenkmal blockiert? Der Bildhauer Stephan Huber zu den Vorwürfen.

Stephan Huber
Der Münchner Bildhauer Stephan Huber (57) gehörte zur Fachjury des Wettbewerbs für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin....Foto: dpa

Herr Huber, was ist dran an dem Vorwurf, dass die Fachjuroren, also die Künstler, den Wettbewerb zum Berliner Denkmal für „Freiheit und Einheit“ zum Kippen gebracht haben?



Das Abstimmungsergebnis zeigt eindeutig, dass es nicht allein die Fachjuroren waren. Sie waren nur vehementer in ihrer Ablehnung, da sie mehr mit Kunst im öffentlichen Raum zu tun haben und deshalb schneller ein Konzept beurteilen können. Der nun von Teilnehmerseite geäußerte Vorwurf, dass es pro Entwurf nur wenige Minuten der Begutachtung gab, ist abstrus. Es gab über 100 Vorschläge, die man in 10 Sekunden abtun konnte. Über andere wurde intensiver diskutiert.

War wirklich kein einziger ernst zu nehmender Entwurf darunter?


Aus meiner Sicht waren zehn Vorschläge dabei,die zwar nicht hundertprozentig überzeugen, aber die man zur Überarbeitung hätte empfehlen können. Aber es gab die Vorgabe, insgesamt 20 Entwürfe weiterzureichen. Und auf diese Zahl wäre ich nicht gekommen. Wer um die Bedeutung dieses Orts und des Denkmals weiß,wird in der Ausstellung im Kronprinzenpalais sofort erkennen, dass ein Schnellschuss nicht geht. Es wurde keine Metapher gefunden, die der Bedeutung des Themas gerecht wird. Es gab sympathische Vorschläge, die an die eigene Biografie der Künstler, die eigene Betroffenheit anknüpften. Vielen Arbeiten fehlte eine zeitgenössische Sprache, die für das Denkmal eines liberalen, weltoffenen Landes adäquat wäre. Und es gab ungeheuer epigonale Vorschläge. Dahinter steckt auch ein intellektuelles Problem. Viele Entwürfe waren sehr einfach strukturiert.

Gehören dazu die goldene Banane oder der von Figuren getragene Schlüssel?

Diese saloppen Arbeiten haben nur eine kurze Halbwertzeit. Das Thema ist komplexer. Zum ersten Mal fand in Deutschland eine friedliche Revolution statt, die sich durch viel Glück ohne Gewalt vollzog. Ein vermufftes, unglaublich spießiges, kulturfeindliches Land hat sich an ein anderes Land angeschlossen, ohne Kämpfe. Der Vorgang der Wiedervereinigung war sicher problematisch für viele Bewohner der DDR. Dieses historische Ereignis kann nicht in Form eines Jokes dargestellt werden. Noch mehr haben mich die Materialschlachten gestört, deren Formsprache ich mit ganz anderen politischen Systemen verbinde. Manche Entwürfe hatten eine geradezu faschistoide Ästhetik. Mir fehlte die Vielschichtigkeit, die historische Genauigkeit und vor allem die Leichtigkeit

War all das nicht abzusehen bei einem offenen Wettbewerb?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Ich bin vielleicht zu blauäugig in die Jury gegangen und habe mir erst während des ersten Rundgangs meine Meinung gebildet und erkannt, dass dieses Denkmal eher im Horizontalen als im Vertikalen angesiedelt sein muss. Achtzig Prozent aller Entwürfe waren 20 Meter hoch oder höher. Das ist eine völlig kontraproduktive Vorstellung zu dieser historischen Vereinigung, die sich eben nicht in einer monumentalen Schlacht vollzogen hat, sondern in einer verblüffenden Leichtigkeit.

Hätte man da nicht eine Vorauswahl bei der Einladung der Künstler treffen und eher einen geschlossenen Wettbewerb abhalten sollen?

Im Nachhinein wäre es besser gewesen, Künstler einzuladen aufgrund ihrer bisherigen Arbeit. Ich plädiere nicht für die Stars, sondern für Künstler, die mit historischen Analogien arbeiten, die eine Affinität zur Geschichte haben. Zum Beispiel Stan Douglas aus Vancouver, der mit seinem „Sandmann“ über E. T. A. Hoffmann ein wunderbares kleines Videostück gemacht hat, das auch deutsche Geschichte thematisiert.

Verstehen Sie denn den jetzigen Groll der beteiligten Künstler?

Ich finde das Ganze nicht so dramatisch. Ich weiß auch nicht, warum alle so entsetzt sind. Für mich als Künstler, der viel im öffentlichen Raum gearbeitet hat, ist es völlig normal, Wettbewerbe zu verlieren. Natürlich ist man da sauer. Jetzt von vernichteter Arbeitszeit zu sprechen, ist jedoch idiotisch. Das ist mir x-mal in meinem Leben passiert.

Hat das jetzige Scheitern nicht auch mit der Demokratie als Auftraggeberin zu tun?

Ich war nie ein Freund demokratischer Findungsprozesse in der Kunst. Kunst hat mit Demokratie relativ wenig zu tun. Aber das Argument, der Wettbewerb sei gekippt worden, weil die Teilnehmer zu unbekannt waren, ist absurd, denn während der Jurysitzung kannte niemand von uns die Namen. Es waren ja auch prominente Teilnehmer darunter, deren Beiträge mich überrascht haben. Ich nenne nur zwei, denen es wohl nicht wehtut, wenn ich sie hier nenne: Axel Schultes und Jonathan Borofsky. Ihre Monumentalästhetik geht vollkommen an der Aufgabe und der Bedeutung des historischen Moments vorbei. Mir gefielen die kleineren, zurückhaltenden Arbeiten besser, die sich nicht so breitarschig formulieren und wieder einen Ort in Berlin besetzen.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

Der Münchner Bildhauer Stephan Huber (57) gehörte zur Fachjury des Wettbewerbs für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin. Seit 2004 lehrt er an der Münchner Akademie.

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