Einheitsdenkmal : Thomas Brussig: „Nicht die Künstler, wir haben versagt“

Bekenntnisse eines Jurors: Der Schriftsteller Thomas Brussig über den Wettbewerb zum Berliner Freiheits- und Einheitsdenkmal.

Thomas Brussig
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Thomas Brussig.Foto: Manfred Thomas

Als Albert Einstein dank der Relativitätstheorie zum Star-Wissenschaftler wurde, konfrontierte ihn ein Journalist mit einem Buch: „Hundert Autoren gegen Einstein“. Einstein erwiderte: „Wenn ich Unrecht hätte, wäre einer genug.“ Insofern verstehe ich die Erregung der empörten Künstler über den Abbruch des Wettbewerbs um das Freiheits- und Einheitsdenkmal: Es spielt keine Rolle, wie schlecht die meisten der 532 Entwürfe waren – ein einziger Entwurf, der sich zu bauen lohnt, würde genügen.

Das Denkmal ist jetzt ins Gespräch gekommen, weil es erst mal kein Denkmal geben wird. Erfahrene Verschwörungstheoretiker wussten natürlich gleich, dass die Jury (zu der ich gehörte) den Wettbewerb vor allem deshalb platzen ließ, um die Diskussion über ebenjenes Denkmal und die Geschichte des deutschen Freiheits- und Einigungsstrebens zu entfachen. Nur: Die Diskussion dreht sich weder um das Denkmal, noch um das Freiheitsstreben. Sondern um das Wettbewerbsverfahren. Und zwar völlig zu Recht.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich unter den 532 Entwürfen nichts Brauchbares, nicht mal etwas Entwicklungswürdiges befindet. Das Verfahren sah ausdrücklich vor, dass in der zweiten Runde (die allerdings nicht erreicht wurde) Künstler oder Architekten im Stile einer künstlerischen Zwangsheirat gepaart werden, um gemeinsam bestimmte Entwürfe weiter zu entwickeln. Das war sogar richtig gedacht, denn ein immer wieder vorgebrachtes Argument lautete, dass den Entwürfen der Architekten „das Unverwechselbare fehlt“, während „die Bildenden Künstler den Raum nicht schaffen“.

532 Entwürfe sind eine Menge. Für die Besichtigung, für den ersten Eindruck stand der Jury eine halbe Minute pro Entwurf zur Verfügung. Das ist wenig Zeit. Zu wenig. Man kann diese Entwürfe nicht sichten, als ginge man durch eine Ausstellung, denn man muss jedem Entwurf gerecht werden. Die Ideen sind so unterschiedlich, dass ein immer wieder neues „Hineindenken“ erforderlich ist. Dass die Jury in so einem Verfahren auch Entwürfe von der Güte des Holocaust-Mahnmals oder, ja, auch der Freiheitsstatue abgelehnt hätte, ist meine Vermutung. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Aber irgendwann hatte man gar keinen Geschmack mehr im Mund.

Bei der öffentlichen Präsentation der Entwürfe am Dienstag im Berliner Kronprinzenpalais unterbrachen Pfiffe und Buhrufe der Künstler die Reden der Jurymitglieder. Verständlich, denn hinter den meisten Entwürfen steckte nicht wenig Arbeit, die durch den eingeschlagenen Verfahrensweg grob missachtet wurde.

Zwar wird kein einziger Entwurf durch Buhrufe besser. Aber nicht die Künstler haben versagt, sondern wir, die Jury. Wir haben unseren Auftrag, einen Wettbewerbssieger zu küren, nicht erfüllt. Wer ist daran schuld? War es die Sachjury (meist Politiker), die den Wettbewerb von vornherein mit inhaltlichen Vorgaben überfrachtete?

Freiheits- und Einheitsstreben der Deutschen seit der Varusschlacht bis in die Zukunft, wobei auch die europäische Komponente nicht vernachlässigt werden darf, in einem gleichermaßen zeitgenössischem wie zeitlosen Entwurf darzustellen – das in etwa wurde erwartet.

Oder war es die eine Fraktion der Fachjury (meist Künstler), die in der entscheidenden Sitzung über jedem Entwurf den Daumen senkte? Ich empfand es als Problem, dass ein gewisses Fachidiotentum einer solchen Jury dazu führt, dass nach einem Entwurf gesucht wird, über den andere gut reden, gut schreiben und gut Bezüge zu anderen Denkmälern, in, sagen wir mal, Sevilla und Sacramento herstellen können. Eher unwichtig ist es, ob ein solches Denkmal bei den Berlinern oder den Berlin-Touristen eine Chance hätte. Hingucker oder Entwürfe, die ein Wahrzeichenpotenzial in sich tragen, waren, so mein Eindruck, verpönt.

Es wurde an diesen zwei Tagen erschreckend wenig diskutiert – drei oder vier Entwürfe erlebten eine vielleicht dreiminütige Diskussion. Der Rest wurde sang- und klanglos in den Orkus verwaltet, als hätte sich die Jury vom Nordkoreaappeal einzelner Entwürfe angesteckt. Über unsere eigenen Maßstäbe und Erwartungen diskutierten wir noch weniger, dies war weder von der Tagesordnung vorgesehen noch in dem engen Zeitrahmen möglich. Der Direktor eines nahe gelegenen Museums bekam zumindest Gelegenheit, von der Verwendung deutscher Symbole abzuraten, deren Anblick er seiner internationalen Besucherschaft beim Verlassen seines Hauses ersparen wollte.

Der Wettbewerb war wie ein offener Ideenwettbewerb ausgeschrieben; die Anonymität der Urheber blieb in der ersten Wettbewerbsstufe gewahrt. Es ist eine schöne Vorstellung, die Ideen von vielen zu generieren und dann ins Volle zu greifen. Aber irgendwann muss aus dem sympathischen Gewusel etwas Verbindliches entstehen, und dann soll da bitte schön das Denkmal eines Großmeisters stehen, einer Koryphäe. Doch die ist sich zu schade für einen offenen Wettbewerb, bei dem Hinz und Kunz antreten kann. Die Lehre aus der ganzen Übung: Der offene Wettbewerb, bei dem sich, ganz demokratisch, das künstlerische Schwergewicht durchsetzt, ist eine Illusion. Dass Demokratie das Mittelmaß bevorzugt, hat sich herumgesprochen. Und zu einem durch und durch demokratischen Denkmal reicht der Mut dann auch nicht. Auch das ist verständlich.

Irgendwann musste sich die Jury entscheiden: Soll man wenigstens einen kleinen Teil der insgesamt enttäuschenden Entwürfe stimmenmäßig in die geforderte einfache Mehrheit hieven – und den Wettbewerb mit der Hypothek des Kompromisses fortsetzen? Oder sieht man dem Scheitern ins Auge, spart sich die ausgelobten Preisgelder (immerhin 160 000 Euro) und setzt – mit einer anderen Jury – neu an? Die Jury hat sich für Letzteres entschieden. Die Perspektive ist ein „Einladungswettbewerb“, bei dem die üblichen Verdächtigen und – man höre und staune! – auch die Urheber der am knappsten gescheiterten Entwürfe mit Honoraren gelockt werden sollen, sich Gedanken über das „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ zu machen.

Der Einkaufswagen von Björn Kern ist sowieso großartig, daran ändern auch die null Stimmen nichts. Der muss unbedingt aufgestellt werden. Nur nicht auf der Schlossfreiheit. Das hätte auch den Vorteil, dass man das Ding nicht „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ nennen muss.

Der Schriftsteller Thomas Brussig war einer der 19 Juroren beim Wettbewerb für das Berliner Einheitsdenkmal. Zuletzt erschienen von ihm die Reportage „Berliner Orgie“ (Piper Verlag, München) und „Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei“ (Residenz Verlag, Salzburg)

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