Kultur : Einiges wird weh tun

Echte Familienaufstellung: Sophokles’ „Antigone“ mit der Band Kante in der Schaubühne

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Reden zwecklos. Christoph Gawenda als Antigone in der Inszenierung von Friederike Heller. Foto: Joachim Fieguth
Reden zwecklos. Christoph Gawenda als Antigone in der Inszenierung von Friederike Heller. Foto: Joachim FieguthFoto: Joachim Fieguth

„Antigone“ von Sophokles? Ja. Nein. Vielleicht. Was man über diesen Abend dagegen mit Sicherheit sagen kann: Es fand auf den Brettern der Schaubühne ein gemütlich schrammeliges Konzert der Hamburger Band Kante und eine sehr lustige und auch gespenstische Familienaufstellung statt – und letzteres ist schon eine kleine Sensation.

Das Wort Familienaufstellung ist (auch) in der Kulturberichterstattung ziemlich verbreitet. Romane, Filme, Theaterinszenierungen – sobald das Personal überschaubar und der Erzählradius auf eine Familie beschränkt bleibt, wird das Wort Familienaufstellung aus dem Ärmel gezogen. Man weiß ja auch sofort, was (ungefähr) gemeint ist. Ich selbst habe das Wort gern benutzt. Mea culpa. Denn statt einer Familienaufstellung war meist ein Familienkammerspiel drin.

Dieses Mal stimmt es aber tatsächlich. Dieses Mal sieht man tatsächlich Teile des Sophokles-Dramas als echte Familienaufstellung, und zwar in der Hardcore-Version, also nach Bert Hellinger. Mit allem, was dazu gehört. Und das geht so: Peter Thiessen, Sänger und Gitarrist von Kante, tritt mit einem Mikrofon nach vorn und fordert als Aufsteller seine Bandmitglieder und die Schauspieler Christoph Gawenda und Tilman Strauß mit ruhiger Stimme dazu auf, sich zu einem Kreis zu formieren. In der Mitte liegt – noch leer, aber auf zauberische Weise schon aktiviert – das sagenunwobene „Feld“.

Die Teilnehmer sehen ziemlich ängstlich aus, so als müssten sie sich gleich in unbekannte Tiefe stürzen. Doch bevor Thiessen den Ödipus-Mythos mit Vatermord und Mutterinzest aufstellt („Er schaut auf den Boden. Das bedeutet: Dort liegt eine Leiche. Kannst Du dich bitte kurz dort hinlegen. Ja, genau du“), bereitet er die nach Heilung Suchenden auf den Schmerz vor („Einiges wird weh tun, aber das macht nichts. Was weh getan hat, wird erinnert“) und erklärt das erste von zwei ewigen Gesetzen der Familien- und Weltharmonie. Jeder, der zur Familie gehöre, sei gleich wichtig. Wird jemand ausgegrenzt, vergessen, verleumdet, also nicht geehrt, gerate das ganze System durcheinander.

Natürlich ist das, was folgt, vor allem amüsant. Wenn einer der Teilnehmer als Pest im Kreis um die Truppe rennt oder jemand anderes als Ödipus auf „das Feld“ gebeten wird, um sich neben den Stellvertreter seiner Mutter Iokaste zu stellen („Das ist jetzt deine Frau. Du kannst sie ruhig an der Hand nehmen“). Die kindlich und albern anmutende Einfachheit der Gesten angesichts des großen Mythos. Aber es ist eben auch unheimlich. Regisseurin Friederike Heller macht sich zwar über den Familienaufstellungs-Ritus lustig, aber auf so zurückhaltende Weise, dass noch gehörig viel von dessen Unbedingtheits-Impetus spürbar wird. So wie bei Sophokles geht es schließlich auch in der Rhetorik der klassischen Familienaufstellung immer um Leben und Tod. Und Garant dieses heiligen Ernsts und der existentiellen Dimension ist der Aufsteller, der als Stimme eines autoritären Weltharmoniegesetzes selbst autoritäre Züge aufweist. Großartig, wie Peter Thiessen dieser sanfter Diktator ist. Langsam und fest sprechend, immer aus dem „Zentrum der Kraft“, also aus dem Bauch, heraus, mit einem Ausdruck streng liebender Väterlichkeit im Gesicht und einem Gran Überheblichkeit im Blick, die aus dem Wissen resultiert, dass im Angesicht der Lebensgesetze Widerspruch, also Reden zwecklos ist.

Es wird dann leider doch etwas geredet. Die Aufstellung führt erst einmal nur bis zu dem Punkt, an dem Antigone (Christoph Gawenda) – um das höhere Gesetz der Gleichheit durchzusetzen – Polyneikes beerdigen will, den der neue König Kreon (Tilman Strauß) vor den Toren der Stadt verrotten lassen möchte, weil dieser im Kampf gegen seinen Bruder eben auch die Stadt angegriffen, also die Gesetze der Gesellschaft, gebrochen hat. Ihr über die Bretter getobter Konflikt fällt stark gegen die Intensität des Anfangs ab, bleibt aber trotzdem vor allem schön anzuhören, weil sich die Musiker inzwischen hinter ihre Instrumente geklemmt haben und mit lakonischer Melancholie Schlagzeug, Klavier und Gitarren bearbeiten.

Erst zum Schluss wird es wieder spannend. Der Guru erklärt Gesetz Nummer zwei: Alle Mitglieder einer Familie sind gleich. „Aber die, die vorher da waren, haben Vorrang.“ Zuwiderhandlungen werden (siehe die gesamte dramatische Weltliteratur) mit Tod und Elend bestraft. Wie sich Peter Thiessen nun Kreon vorknöpft, um das wimmernde Häufchen Elend durch Demut aus dem Zirkel der Schuld in die „Ordnung der Liebe“ zu führen und das ganze Spektakel schließlich in einem dionysisches Fest des Kraches münden zu lassen – das erlebe man am besten selbst.

Wieder am: 6., 9. und 11. Februar

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