Kultur : Einmal Erbsensuppe "Figaro", bitte!

ULRICH AMLING

Marathonläufer erkennt man gleich: An ihrem Outfit, aber vor allem an ihrer Startnummer.Sie gibt auch Aufschluß darüber, die gut der Starter im Gesamtfeld dasteht.Am Eingang des Kammermusiksaales der Philharmonie nimmt ein Herr in Rokoko-Livree die Eintrittskarte entgegen und tauscht sie gegen einen Anstecker: Der zeigt einen Menschen von hinten, der Mozart sein könnte, mit Turnschuhen lässig über der Schulter.Wer dieses Erkennungszeichen vorweisen kann, der darf im Kammermusiksaal elf Stunden lang ein und aus gehen, Mozart hören oder sich einfach nur aufwärmen, häkeln, mit den Kindern spielen, essen, Bücher lesen, einem Vortrag lauschen.Und obwohl es keine Startnummern gibt, an denen man schon von weitem erkennen kann, wie lange der einzelne Mozart-Marathonläufer bereits im Rennen ist, wollen die meisten Besucher über die ganze Distanz gehen: elf Stunden, 18 Werke, 2,8 Prozent des Köchel-Verzeichnisses von Mozarts sämtlichen Werken.14:06: Start frei, Philharmoniker auf das Podium!

"Na sehr schön", ruft es nach einem Konzert drei Plätze weiter rechts.Das hört man ständig.Was soll man auch sagen.Die Philharmoniker bieten eine bestechende Leitungsschau, präsentieren zarte Streicher, sensible Hörner, harmonische Holzbläser.Entspannt und elegant öffnet das Orchester sein Schatzkästlein, läßt seine phantastischen Solisten hören.Auch wenn sie mal routiniert spielen, so spielen sie immer noch auf hohem Niveau.Um 17.19 Uhr ernteten die Musiker des Athenäum-Quartetts die ersten Bravos des Marathons, bis Mitternacht folgen noch viele.Auch Mozarts Musik ist immer wieder von geradezu ansteckender Schönheit.Bei langsamen Sätzen lassen sich Pärchen im Saal erkennen, und Hände winden sich ineinander.Bei besonders innigen musikalischen Seufzern geben sich die Hände einen Druck.Mozart-Harmonie, Mozart-Geheimnisse: "Na sehr schön."

Marathonläufer brauchen Reserven.Am liebsten essen sie Spaghetti, bevor sie sich auf ihren langen Weg machen.Auch der Mozart-Marathonläufer braucht Energie.Wer mit dem Trainieren der Sitzmuskeln erst am großen Tag selbst beginnt, der muß hart im Nehmen sein.Leichter ist es, dem Körper Kalorien zuzuführen.Durch das Foyer zieht eine schwere Geruchswolke: Es riecht nach Spiritus für die großen Warmhalte-Töpfe, nach Braten, Kuchen und Kaffee.Im - natürlich - österreichischen Angebot: Geräucherte Lachszöpfe "Wolferl", Kaiserschmarrn "Papageno", Tafelspitz "Krönungskonzert".Selbst die Berliner Erbsensuppe erhält zur Feier des Tages den Beinamen "Figaro".Vielleicht wäre Mozarts Wahl ja auf sie gefallen, liebte er doch die einfachen Speisen, allen voran Sauerkraut und Knödel.In der Gunst des Marathon-Publikums muß sich die Erbsensuppe jedenfalls klar dem Tafelspitz geschlagen geben.Auch Musik-Sportler mit prall gefüllten Kaiserschmarrn-Wangen sind weit häufiger zu beobachten als Anhänger von Roter Grütze.

Man muß auch mal abschalten können.In der Regel schaltet man dazu das heimische Fernsehgerät an.Auch der Mozart-Marathon bietet Entspannung mit Wohnzimmer-Gefühl.In einer schwach beleuchteten Ecke des oberen Foyers findet sich eine Videowand, die das Geschehen im Saal in Ton und Bild überträgt.Es sind nur 20 Meter Entfernung bis zum Podium, doch der innere Abstand ist weit größer.Vor der Videowand läßt es sich besser lümmeln, man darf hier essen, kann die Kinder kreuz und quer rennen lassen und eine kleine Schwangerschafts- oder auch Rückengymnastik einlegen.Natürlich zu den Klängen der philharmonischen Musikanten, und die spielen Mozart.Transfers in den Saal sind stets zwischen den einzelnen Werken erlaubt.Auch hierbei leistet die Videowand unschätzbare Dienste: Verbeugen sich die Musiker, springen die erholten Marathonläufer auf, öffnen die Saaltüren und halten Ausschau nach einem Plätzchen für die nächsten Minuten oder auch Stunden.Fündig werden sie immer: Auch zu Spitzenzeiten am Abend ist der Kammermusiksaal zu einem Drittel leer.

Musik bildet das Herz, so sagt man, aber auch der Geist verlangt nach Nahrung.Zu diesem Zweck wurden im Musikinstrumenten-Museum Vorträge angesetzt.Sie erfreuten sich ganz außerordentlicher Beliebtheit.Bis auf einen.Er befaßte sich gegen 21:04 Uhr mit der Kritik der Zeitgenossen an Mozart.Widerwärtige Stillosigkeit warfen sie ihm vor.Die Marathonläufer quittierten das prompt mit demonstrativen Abwanderungen.So etwas will man nicht hören, zumal jetzt, wo man schon die reichliche Hälfte der Gesamtdistanz hinter sich hat.Vielen blieben so die Worte Karl Ditters von Dittersdorfs verborgen: "Kaum will man einem schönen Gedanken nachsinnen, so steht schon wieder ein anderer herrlicher da, der den vorigen verdrängt, und das geht immer in einem so fort, so daß man am Ende keine dieser Schönheiten im Gedächtnis aufbewahren kann." Gegen solch marathonfeindliche Bedenken fiel die Enthüllung einer Fälschung weit weniger provokant aus: Mozart Klarinettenkonzert - das aus "Jenseits von Afrika" - ist eine anonyme Bearbeitung, höher gelegt für eine A-Klarinette statt der ursprünglichen Bassetklarinette.Der Grund: Bequemlichkeit, eine Klarinette in A ist einfach leichter zu handhaben.Man spricht mit Experten noch über Luftsäulen und Böhmsysteme, alle folgen gebannt.Zurück zum Kammermusiksaal führt der Weg durch das pausenvolle Philharmonie-Foyer.Angeführt von einem Herrn in Livree, ziehen die Marathonläufer mit Mozart-Button über dem Herzen stolz an diesen "normalen" Konzertbesuchern vorbei.Die gucken einem neidisch hinterher, das glaubt man aus dem Augenwinkel deutlich sehen zu können.

Kehraus.Es ist nach Mitternacht, trotzdem will kaum einer gehen.Auf einem Treppenabsatz spielen die Musiker von Divertimento Berlin "Die kleine Nachtmusik".Alles steht, auf den Treppen, im oberen Foyer, an den Garderoben.Zeit für ein letztes Glas Wein, Zeit dafür, den Kragen des Mantels hochzuschlagen, der kontinentalen Nachtkälte entgegen: Bald muß der schützende Kammermusiksaal geräumt werden, und Mozarts Tröstungen verstummen.0:31 Uhr ist es soweit.Nebel liegt über der Mozart-Kugel, die wir oft nichtsahnend Erde nennen.Die Mozart-Marathonläufer eilen zu den BVG-Bussen.Wie sie so sitzen und ihren Heimen entgegenfahren, blitzt zwischen winterlichem Aufzug die teure Trophäe, der kreisrunde Anstecker hervor.Was, nur 2,8 Prozent vom ganzen Wolfgang Amadeus Mozart haben wir heute geschafft? Das nächste Mal überspringen wir die fünf Prozent-Hürde, das packen wir.

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