Kultur : Eins plus: (Jahres-) Zahlen und Zeitgeist - Ein Kommentar

Christiane Peitz

2000 - das war die Zukunft. Eine strenge, glatte, griffige Zahl - und, seien wir ehrlich, ziemlich marktschreierisch. Wenn sie sich nicht von selbst ergeben hätte, hätte eine PR-Agentur sie nicht besser erfinden können. 2000 ist eine Zahl wie ein Slogan, der für sich selbst Reklame macht: Windows 2000, Expo 2000, Baby 2000, Wohnen 2000, ja sogar Kirche 2000. Dabei versprach die Zwei mit den drei Nullen die Zukunft bereits zu einem Zeitpunkt, als sie noch ziemlich fern lag. Der Musikschuppen in der Kleinstadt meiner Kindheit hieß "Disko 2000", und wer dazugehören wollte, ging hin, auch ohne die Erlaubnis der Eltern. 2000 war in, die modische Zahl, schon in den Siebzigern. Hätte sie ein Outfit, trüge sie Häkelpullunder und Hosen mit Schlag. Es liegt etwas Altmodisches in ihrer Jugendlichkeit: das ideale Appendix für Start-ups und Jungunternehmer, die den Familienbetrieb übernehmen. Man denke nur an all die Kioske namens Imbiss 2000. Als ob die Fritten dort frischer wären. Und jetzt? Jetzt ist 2001.

Was für ein Unterschied. Klein, aber geheimnisvoll. Das Perfekte ist wie weggewischt. 2001 ist eine wundersame Zahl; sie hat ein kapriziöses Wesen, eine fragile Statur, eine flüchtige Erscheinung. Erst dieses Monstrum von Tausender, und dran hängt, pling!, diese zarte Eins. Wie eine Wunderkerze am Weihnachtsbaum. Der Taschenrechner verrät, dass 2001 das Produkt dreier Primzahlen ist, 3 mal 23 mal 29. Aber was heißt das schon. Überraschungen birgt sie trotzdem, wie die Zusatzzahl im Lotto oder das gleichnamige Versandhaus, dem wir (anders als der "Disko 2000") auch nach dem Ende unserer Studentenzeit treu geblieben sind - weil es (anders als wir) keine Alterserscheinungen aufweist.

Wenn 2000 die Zukunft war, in der wir ankommen wollten, dann ist 2001 das Reich, das hinter dem Horizont liegt. Die Welt jenseits der Zielgeraden. Kubrick hat sie uns einst gezeigt, als verzaubertes, archaisches Universum, in dem die Farben explodieren und die Zeit implodiert. Spätestens seit Kubricks Film bezeichnet 2001 das Unbegreifliche und dessen Faszination. Das Genom mag entschlüsselt sein, aber der Mensch bleibt sich allemal ein Rätsel. Ende der achtziger Jahre kam ein Film von Peter Greenaway in die Kinos, der "Ein Z & zwei Nullen" hieß - wegen des Zoos, in dem die Geschichte spielt und in dem tote Tiere im Zeitraffertempo verwesen, während eine Frau namens Alba Zwillinge zur Welt bringt. Und nun kommt noch eine Eins hinzu, in unseren gottlob ungeregelten Menschenpark.

In der keltischen Zahlensymbolik steht die Zwei für das Wissen und die Eins für die Schöpfung. In der Traumdeutung bedeutet die Zwei den Gegensatz, die Null das Nichts und die Eins die Einheit. Zwei, Null, Null, Eins: Was für eine Kombination! Die entzauberte Welt legt sich einen neuen Zaubermantel um. Und vor uns liegen 999 Jahre - unendliche Weiten, wie es im Science-Fiction heißt.

2000 markierte einen Anfang. 2001 verleiht diesem Anfang ungeahnte Dimensionen: das Versprechen auf ein open end. 2000 war das Jahr der Apokalypse und der Entschlüsselung, 2001 ist das Jahr der Rätsel. Mit ihm beginnt eine neue Odyssee, die Reise ins Unbekannte, wo die Sirenen Dichterworte flüstern. Komm ins Offene, Freund.

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