Kultur : Einsam im Sattel

RALPH GEISENHANSLÜKE

Wenn Fahrradboten träumen: "Tempo" von Stefan RuzowitzkyVON RALPH GEISENHANSLÜKEJojo hat immer einen leichten Schweißfilm im Gesicht und sieht aus, als würde er jeden Augenblick für einen Buttermilchwerbespot gecastet.Jojo gehört zu den Menschen, die man häufig keuchend in Fluren von Bürogebäuden antrifft, er schafft als Fahrradbote.Eine Berufsgruppe, der man in Berlin wegen häufiger Rüpelhaftigkeit im Straßenverkehr eher reserviert begegnet.Doch "Tempo" spielt in Wien und dort hält man Fahrradboten offensichtlich für die Inkarnation von Hipness.Xaver Hutter, der Hauptdarsteller, glorifiziert sie im Waschzettel gar zu "einer Art Universal Soldier" - was einerseits zeigt, daß es in Wien gemächlicher zugeht als in Berlin und anderseits das behauptete "Tempo" sich für kampferprobte Berlinbewohner in Grenzen hält.Der einzige platte Reifen wird durch einen Pistolenschuß verursacht. Trotzdem sind auch im Wiener Straßenverkehr rasante Fahrten möglich, wie der furiose Einstieg zeigt: halb über die linke Schulter, unterlegt mit schwerem Keuchen, wackelt die Kamera mit Jojo durch Straßenschluchten und Treppenhäuser.Dazu wummert rastlos der technoide Soundtrack, den der Wiener Star-DJ Patrick Pulsinger zusammengestellt hat. Die Einsamkeit im Sattel läßt Jojo reichlich Zeit, über den Inhalt seiner Sendungen nachzudenken.Aus einer Video-Cassette wird in seiner Phantasie eine Erpressung und Liebe, Drama, Wahnsinn liegen immer gleich um die Ecke.Denn Jojo ist nicht nur ein minderjähriges Landei, sondern auch noch Jungfrau.Keine guten Voraussetzungen für einen Fahrradkurier. Während Jojo immer tiefer in die gar schröcklichste Realität verstrickt wird (seine Angebetete hängt an der Nadel, er wird von Nazis gejagt), läßt sich Regisseur Stefan Ruzowitzky Zeit für absurde Kapriolen, im Stile eines Niki List, dessen Abwege bekanntlich auch meist wichtiger sind als der Hauptstrang.So gibt es in "Tempo" einige strunzkomische Statements zu österreichischen Aufklärungsbroschüren zum Thema Homosexualität, zu schäbigen Provinzbildern, wie man sie aus "Indien" kennt, der definitiven satirischen Abrechnung mit dem Öschi-Mief - oder auch mal eine Opernarie im Supermarkt.Und gefensterlt wird auch noch.Das etwas gemütlichere Stoffwechseltempo von Wien hat eben auch mehr Zeit für herrlich abstruse und unterhaltsame Filme wie diesen. Central, Cult fiction, Eiszeit

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