Kultur : Einsatz in Millionen

Vorsicht und Vernunft kennzeichnen den deutschen Auktionsmarkt in diesem Jahr – gekauft wird dennoch gern

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Überraschung. Die Holztafel aus der Nachfolge Brueghels d. Ä. kostete bei Lempertz am Ende 1,7 Millionen Euro. Foto: Lempertz
Überraschung. Die Holztafel aus der Nachfolge Brueghels d. Ä. kostete bei Lempertz am Ende 1,7 Millionen Euro. Foto: Lempertz

Das ist mal eine erkleckliche Zuwachsrate. 450 D-Mark hatte Ernst Ludwig Kirchners „Kinderköpfchen“ in den fünfziger Jahren im Stuttgarter Kunstkabinett gebracht, seitdem befand es sich in Familienbesitz. Zur Herbstauktion bei Ketterer signalisierten dann vier Vorabgebote einen Millioneneinsatz. Da war es fast kokett, dass der Aufruf mit 400 000 Euro (der Hälfte der oberen Taxe) startete. Fünf internationale Bieter kämpften um das dekorative Frühwerk, bis es für 1,45 Millionen Euro an einen norddeutschen Privatsammler ging. Was inklusive Aufgeld 1,74 Millionen Euro macht. Für das Münchener Auktionshaus nicht nur das Spitzenlos des Nachmittags, sondern zugleich der diesjährigen Auktionen in Deutschland.

Rückblickend vermelden alle Versteigerer steigende Bilanzen, und Ketterer jubelt sogar; denn das Münchener Auktionshaus konnte mit einem Gesamterlös von 26 Millionen Euro seine eigene Bestmarke von 2007 übertreffen. Zwar knüpfen nicht alle deutschen Häuser nahtlos an Vorkrisenzeiten an, doch einen Aufwärtstrend verzeichnen auch die beiden führenden Häuser in Köln und Berlin: Lempertz erreichte mit einem Gesamtumsatz von 49 Millionen Euro eine 40-prozentige Steigerung gegenüber 2009, und die Villa Grisebach verbesserte ihr Ergebnis um zehn Prozent auf über 32 Millionen Euro.

Die positive Tendenz zeigt auch der Blick auf die teuersten Werke. Neun von zehn Spitzenzuschlägen wurden im Herbst erzielt. Während der mit Abstand höchste Preis im Frühjahr 805 000 Euro inklusive Aufgeld und Mehrwertsteuer betrug – eingespielt von Lucas Cranachs d. J. „Die Bekehrung des heiligen Paulus“ im Münchener Auktionshaus Hampel –, knackten zum Jahresende gleich fünf Lose die Millionengrenze.

Eines davon war ein veritabler Ausreißer bei Lempertz. 150 000 Euro sollte „Der Alchemist“ aus der Nachfolge Pieter Brueghels d. Ä. bringen. Amerikanischer Handel hob die Taxe dann um das Zehnfache und bewilligte für die Holztafel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fast 1,7 Millionen Euro. Wodurch Kirchners „Mädchen in Südwester“, mit dem sich Lempertz bei geschätzten 1,5 bis 1,8 Millionen Euro eigentlich an die Spitze setzen wollte, auf den dritten Platz gelangte.

Im Vergleich zum „Kinderköpfchen“ ist das Bildnis von Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling das stilistisch reifere Gemälde, und es stammt aus der Hauptphase des Brücke-Künstlers. Dennoch blieb ein Untergebot im Saal des Kölner Kunsthauses unwidersprochen. Mit brutto 1,3 Millionen Euro ging der Zuschlag zunächst unter Vorbehalt an eine deutsche Erbengemeinschaft.

Die Erwartungen mühelos verdoppeln konnte hingegen Pablo Picassos „Femme et jeune garçon nus“. Ein Pariser Händler im Auftrag einer chinesischen Sammlung musste 1 128000 Euro für die Farbzeichnung von 1969 bieten. Ein Höchstpreis für eine Papierarbeit Picassos auf dem deutschen Auktionsmarkt; auf dem sich die Rekordmeldungen ansonsten bescheiden ausnehmen.

Die Kaufbereitschaft ist vorhanden, doch bei den Abschlüssen regieren spürbar Vorsicht und Vernunft. Nach dem Skandal um die vermeintliche „Sammlung Jägers“ müssen die Auktionshäuser das Vertrauen zunächst einmal zurückerobern. Dass die Kundschaft verstärkt auf lückenlose und plausible Provenienzen, auf Bibliografien und Ausstellungsverzeichnisse achtet, zeigen nicht zuletzt die vielen Zuschläge am unteren Limit der Taxen oder darunter.

Auch die Hoffnungen auf ein siebenstelliges Ergebnis, die Max Beckmanns „Kleines Varieté (in Mauve und Blau)“ in der Villa Grisebach geweckt hatte, wurden verfehlt. Mit insgesamt 915 000 Euro, die ein norddeutscher Privatsammler bewilligte, belegt das 1933 entstandene Gemälde Platz sechs im nationalen Ranking. Davor liegt Emil Noldes „Landschaft mit ruhenden Kühen“, die für rund 1,04 Millionen nach Süddeutschland geht. Damit gebührte Nolde der höchste Einzelzuschlag des Abends, doch der Star der ausgewählten Werke war Lesser Ury. Die 15 Gemälde und Pastelle aus einer Hamburger Privatsammlung waren mit 830 000 Euro taxiert und erlösten insgesamt über 1,8 Millionen. Die Schätzung für Georg Tapperts 1910 entstandene „Loge II“ verdoppelte ein Berliner Sammler mit 646 000 Euro. Damit teilt sich der Großstadtexpressionist Rang neun mit einem unbetiteltem Rasterbild von Sigmar Polke bei Lempertz.

Auf dem zehnten Platz liegt Andy Warhols Gemälde „Holstentor“, das zur unteren Schätzung zugeschlagen wurde und mit insgesamt 611 500 Euro bei van Ham zu einem Hausrekord im Bereich der Modernen und Zeitgenössischen Kunst beitrug. Mit einem Bruttoumsatz von 24 Millionen Euro konnte das Kölner Auktionshaus sein Vorjahresergebnis um 18 Prozent erhöhen.

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