Kultur : Eintagsfrieden

„Promises“: Wie denken Kinder im Nahen Osten?

Jan Schulz-Ojala

Mahmoud sagt: Jerusalem gehört uns, das steht schon so im Koran. Shlomo sagt: Dies Land ist unser Land, das sagt schon die Thora. Sanabels Vater sitzt seit zwei Jahren wegen der Unterstützung palästinensischer Befreiungsbewegungen in einem israelischen Gefängnis. Moishes Freund Ephraim ist bei einem Palästinenser-Attentat umgekommen. Farajs Freund Bassam haben israelische Soldaten wegen eines Steinwurfs erschossen. Die Zwillinge Yarko und Daniel haben niemanden, der gerade von Palästinensern erschossen worden ist, aber einen Großvater, der seit dem Holocaust nicht mehr an Gott glaubt. Und sie haben eine Angst, über die sie zu lachen versuchen: Fahren sie nun lieber mit der Buslinie 18 zum Sport in Jerusalem, oder doch mit der 22, die als sicherer vor Anschlägen gilt?

„Promises“ heißt – was für ein schmerzhafter Titel angesichts dieser Lebensbefunde – der Dokumentarfilm, den der jüdische Amerikaner B.Z. Goldberg 1997 bis 2000 in und um Jerusalem gedreht hat, in einer Phase „relativer Ruhe“ zwischen der ersten und der zweiten Intifada. Sieben jüdische und palästinensische Kinder zwischen neun und 13 Jahren hat er interviewt, zwischen Stadtwohnungen, israelischen Wehrsiedlungen und Palästinenserlagern im Westjordanland, die inzwischen längst selber zu Städten geworden sind. Und doch: „Promises“ redet von Hoffnung. „Promises“ heißt Versprechen, im Plural. Sieben Versprechen: so viele Versprechen, wie Kinder sind.

Doch Mahmoud und Shlomo muss er bald abziehen von den sieben, die er zu finden meinte: Mahmoud bewundert Hamas und Hisbollah und freut sich über jeden Anschlag auf Israelis, auch auf Frauen und Kinder, „weil es dann weniger Juden gibt“. Und so wie Mahmoud zu Allah betet, so beten Shlomo und auch Moishe, der eine sehr, der andere nur ein bisschen weniger orthodox - und so sind beide Seiten allenfalls im Hass aufeinander vereint. Bleiben Faraj und das Mädchen Sanabel, und die jüdischen Zwillinge Yarko und Daniel. Behutsam hat der Regisseur ihr Vertrauen gewonnen, und nun bewegt er sie zu einer Art Kindergipfeltreffen vor der Kamera. Kann das gut gehen – und zu welchem Ziel?

Es ist diese kurze Begegnung, in der der fast mathematisch präzis konzipierte Film gipfelt, und sie selbst wiederum in einer einzigen Szene. Denn nach dem heiteren gemeinsamem Essen, dem Fußballspielen, Tanzen und einem durch Dolmetscher begleiteten ersten Gespräch bricht Faraj in Tränen aus, überwältigt durch die Erinnerung an den Tod seines Freundes. Nein, der kleine Palästinenser erklärt keinen Krieg, er kann nur den Frieden nicht halten – diesen durch Erwachsene herbeigeführten und dann plötzlich so frei erscheinenden Eintagsfrieden, der da zwischen vier Kindern entstanden ist. Und der Regisseur, den wir vorher beiläufig im Auto oder im Gespräch mit einem der Kinder gesehen haben, wischt sich mit der Hand über die eigenen Tränen.

Darf ein Dokumentarfilmregisseur vor der Kamera weinen? Besser nicht – wenn es denn an der Reihe ist, ist es die intime Sache seiner Figuren oder des Publikums. Aber Regisseur B.Z. Goldberg, der in Israel aufgewachsen ist und sich als Kind nie in die Gebiete wagte, die er nun recherchehalber bereist, ist selber Teil der Geschichte. Mit seinem ersten Film hat der Journalist, der jahrelang in Israel arbeitete, einen kleinen – ja, vielleicht einen kindlichen – Aufstand gegen die allgemeine Versteinerung gewagt. Und muss am Ende das Urteil annehmen, das die nächste Generation über seine Hoffnung spricht.

„Promises“ ist, was den Erkenntnisgewinn in Sachen Naher Osten betrifft, kein großer Dokumentarfilm. Und vor dem Hintergrund des neuen heißen Dauerterrorkriegs zwischen Israel und den Palästinensern schon ein bisschen überholt. Aber die Menschen mögen diesen Film weltweit, wofür viele Publikumspreise auf Festivals und vergangenes Jahr sogar eine Oscar-Nominierung sprechen. In einer Wirklichkeit, die derzeit gar nichts mehr verspricht, bleibt so nur zu hoffen, dass unsere sieben größer gewordenen Helden heute noch am Leben sind. Ja, auch die Furcht erregend altklugdummen Fanatiker unter ihnen.

Premiere am Freitag um 20 Uhr in der Thomaskirche, Bethaniendamm 23-29 in Kreuzberg; anschließend Diskussion mit einem palästinensischen und einem israelischen Journalisten. Danach im Kino Eiszeit

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