Kultur : Eintagslieben

Bis an die Grenzen: Thomas Durchschlags sensibles Debüt „Allein“

Jan Schulz-Ojala

Sie ist eine Aufreißerin. Blasses, hungriges Mädchen: Nachtwärts aufgebrezelt, stürmt sie die Disco, das feine Gesicht fast verschwunden hinter der Geschlechterkriegsbemalung. Schnell stürzt sie was runter am Tresen, und dann Eintauchen in den nächstbesten Kuss. Reden vorher, ach was, reden.

Sie ist eine Rausschmeißerin. Wenn es dämmert in ihrem Zimmerchen, und der erste Postkoitalschlaf ist auch schon vorbei, dann setzt sie sich auf. Der Nackte da neben ihr: fremd. Reden nachher, ach was, reden, nur aufwecken den Mann und die übliche Silbengymnastik: „Okay, es reicht jetzt. Du verschwindest.“ Und wenn er rummault, dann lauter noch: „Alles klar, Mann? Verschwinde.“

Ein Eintagsliebenleben führt Maria (Lavinia Wilson), ein Einenachtliegenleben mit immer wieder anderen Männern, und Wolfgang (Richy Müller) ist auch dabei. Ja gut, Wolfgang kommt öfter mal vor, aber dafür ist er auch schon bisschen älter und kauft ihr Klamotten. Nur – gelöscht wird er jedesmal genauso wie die anderen, sobald er weg ist, „also dann bis Donnerstag“, ja gut also, bis Donnerstag dann. Dazwischen sind genug Nächte für den und den oder auch den, egal jetzt, Hauptsache egal.

Eigentlich ist Maria Studentin in Essen, aber was sie studiert, weiß sie wohl selber nicht mehr so genau. Eigentlich jobbt sie in der Uni-Bibliothek, aber da kommt sie oft zu spät, weil sie bisschen viel trinkt nachts und auch schon mal tagsüber und immer wieder Muntermach-Tabletten oder so was Ähnliches schluckt. Manchmal beißt sie an ihren Nägeln rum, und manchmal nimmt sie die Rasierklinge aus dem Badezimmerspiegelschrank und macht sich ein paar Schnitte wie probeweise hier und da. Tut’s noch weh, das Leben? Weniger und weniger, das immerhin.

„Borderline“ nennt man die auf den ersten Blick oft nicht besonders auffällige psychische Deformation vor allem junger Frauen, die immer häufiger so leben: rausgeschossen aus irgendeiner Mitte schon früh und langsam an ihre Grenze taumelnd bis zur Gesprächsunfähigkeit, zur Selbstverstümmelung, manchmal zum Tod. Was als Genuss anzufangen scheint, ist bald Exzess und schließlich bloß Zwang – nur wenn man aufhören will mit dem ganzen Sichzuknallen aus Sex und Sauferei, was wäre denn dann ohne das alles und allein? Der Kölner Filmschulabsolvent Thomas Durchschlag hat mit „Allein“ einen anrührenden und präzisen Film über eine junge „Borderline“-Frau gemacht – aber vergessen wir das gleich wieder, denn „Allein“ ist viel mehr als nur der Film zum Symptom. „Allein“ erzählt vor allem von der grässlich quälenden Sehnsucht nach Liebe.

„Ich hab’ jetzt den Jan“, sagt Maria zu ihrer besten – oder einzigen? – Freundin Sarah (Victoria Mayer), die sie an ihren Termin beim Therapeuten erinnert. Der Jan (Maximilian Brückner) ist ein ganz Lieber: angehender Tierarzt, Famulantenpraktikum im Wuppertaler Zoo, bei den Schimpansen. Ein ganz Süßer ist der Jan, ein ganz Braver auch, der Maria Geborgenheit gibt, das fühlt sie gleich; aber eben auch einer, der sie nicht versteht, nicht verstehen kann. Denn Maria hat Angst: immer größere Verlustangst, sich ihm in ihrem lebens- und liebesfeindlichen Andersgewordensein zu erklären.

„Allein“ ist ein Kammerspiel. Maria, dazu drei andere Leute, ihre ums Lotterbett gebaute Kammer mit fast ironisch romantischem Sonnenuntergangsposter – und daneben das Nachttischchen, von dem sie immer wieder mal plötzlich Lesekram und Lampe und leere Wodkagläser fegt. Auch der Himmel, meist grau, ist nur eine hohe Decke über Marias Seelendruckkammer; sogar dieser Himmel oben über dem riesigen, wie aus Kubricks „2001“ gefallenen Stahl-Monolithen auf der Abraumhalde ist nix für Verliebte – da mögen Paare ihre Herzensinitialen noch so sehr in den Rost ritzen. Hier küsst man sich zum ersten Mal, sofern man sich ein bisschen was aufgespart hat nach der Disco. Hier nimmt man Abschied. Hier traut man sich vielleicht zum ersten Mal, allein zu sein.

Natürlich ist das vor allem der Film der Lavinia Wilson, die sich – nach Christoph Starks „Julietta“ – wieder in eine extreme Hauptrolle stürzt: ein Gesicht, das Erloschenheit bedeuten und ebenso heftig leuchten kann, eine Körpersprache, die von Abwehr bis zitterndem Lebenshunger das ganze Liebes- und Lieblosigkeitsalphabet herunterbuchstabiert. Aber was wäre Wilsons Spiel ohne den souverän zurückgenommen agierenden Maximilian Brückner: Grausam schön wird Schrecken erst, wenn jemand da ist, der ihn nicht begreift.

Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Neues Off

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