Kultur : Einwanderung: Migrationsexperte Oberndörfer über Modelle und Mentalitäten

Ist es nicht ein typisch deutsches Modell zu sagen

Der 71-Jährige Dieter Oberndörfer ist Vorsitzender des Rates für Migration. Das Gremium begleitet die Asyl- und Einwanderungspolitik der Regierung kritisch.

Ist es nicht ein typisch deutsches Modell zu sagen, wir machen Kommissionen, reden vor allem über Institutionen wie ein Migrationsministerium, anstatt darüber, warum wir Einwanderung wirklich brauchen?

Es gibt solche Kommissionen ja auch in den USA, da wird dann jährlich festgesetzt, wer und wie viele Einwanderer kommen sollen. Aber typisch ist natürlich, dass man die Sache selber bis vor kurzem nicht diskutiert hat, sondern einfach gesagt hat: Wir sind kein Einwanderungsland.

Warum also brauchen wir Einwanderung?

Zunächst aus demografischen Gründen. Was wir brauchen sind Leute, die hier bleiben. Wir hatten ja seit 1970 rund 30 Millionen Gastarbeiter hier, von denen dann fünf Millionen blieben. Der Rest sind Nachkommen. Ein ständiges Kommen und Gehen bringt uns demografisch gar nichts.

Kann die Politik einen Grundkonsens in der Gesellschaft darüber herstellen, dass wir Einwanderung brauchen?

Ich glaube, dass in der Bevölkerung inzwischen eine Mehrheit da ist. Aber natürlich hängt eine solche Zustimmung auch von den Politikern ab. Sie müssen ihre Führungsaufgabe wahrnehmen und den Bürgern klarmachen, dass Einwanderung in unserem eigenen Interesse liegt. Wir brauchen für diesen Konsens eine Große Koalition, die gewillt ist, den Parteienstreit um drei bis vier Prozent Randwähler beiseite zu schieben. Sonst wird das nur ein Wahlkampfthema, und dann ist der Konsens beim Teufel.

Wie erklären Sie einem Bürger kurz und knapp, wie Ihr Idealmodell aussieht?

Erstens muss man bereit sein, Einwanderung zu wollen. Man muss vom hohen Ross runter kommen, als ob wir den Einwanderern eine Gnade erteilen. In Kürze wird es sowieso einen erbitterten Wettkampf um qualifizierte Zuwanderung geben. Die Geburtenrate Italiens, Spaniens und Griechenlands sind niedriger als in Deutschland. In Frankreich, England und Skandinavien ist es auch defizitär. Überall gehen die Geburtenraten zurück, vor allem im Ostblock.

Was müssen wir tun?

Wir müssen uns um qualifizierte Einwanderer bemühen. Wir müssen das tun, was alle Einwanderungsländer machen, Einwanderer in ihrer Verschiedenheit akzeptieren. Das ganze Gerede um Integration geht am Sachverhalt vorbei, denn natürlich verschmelzen Einwanderer in allen Ländern erst nach ein bis zwei Generationen mit dem Land. Wir müssen mental dazu übergehen, sich nicht darüber aufzuregen, dass eben auch griechisch oder türkisch gesprochen wird. Die USA sind da ein Vorbild.

Sie halten nichts von Sprachkursen?

Doch. Es ist eine großartige Sache, wenn wir Sprachkurse umsonst anbieten. Denn es liegt ja in unserem Interesse, dass die Leute Erfolg haben und sich ihre Existenz aufbauen. Aber wir können keinen zwingen. Wenn Leute unter Druck eine Sprache lernen sollen, wenn der afrikanische Facharbeiter neben dem anatolischen Bauern sitzt, möchte ich wissen, was da heraus kommt? Man muss an das Eigeninteresse der Leute appellieren, natürlich müssen die kapieren, dass ihre Kinder in Deutschland keine Chance haben ohne Sprachkenntnisse. So wie in Kalifornien die spanischsprachigen Eltern jetzt für Englisch votiert haben an der Schule. Da ist auch der Markt, die Wirtschaft gefragt.

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