Kultur : Einzelgänger, befreundet

Stille Schriftsteller-Post zwischen DDR und BRD

Hannes Schwenger

Das Buch heißt „Stille Post“ und versteht sich als „ein Auftakt“ zu seinem Thema: den inoffiziellen Kontakten deutscher Schriftsteller aus Ost und West in den Jahren der staatlichen Teilung. Dass es sich dabei um stille Kontakte gehandelt hat, muss man wohl voraussetzen, nachdem es sich bei den offiziellen Kontakten – Verbandspost und Offene Briefe – meist um schrille Post handelte, wie wir aus mehreren Untersuchungen mit Titeln wie „Verfeindete Einzelgänger“ wissen.

Bei den inoffiziellen Kontakten – Freundschaften, Feindschaften und literarischem Austausch – ging es ziviler zu. Das wussten bisher meist nur die Beteiligten; und natürlich die von Amts wegen „inoffiziellen“ Teilnehmer im Dienst der Staatssicherheit, die über ihre Westkontakte unter Decknamen wie „IM Dichter“ berichteten. Auch über sie besitzen wir schon ein Standardwerk, Joachim Walthers „Sicherungsbereich Literatur“. Aber darum geht es in diesem Buch nur am Rande und in einer schwer nachzuvollziehenden Auswahl, in der Stasi-Kontakte ziemlich willkürlich erwähnt oder verschwiegen werden: Ausdrücklich erwähnt im Fall von Pauls Wiens („IM Dichter“), verdrängt oder verschwiegen im Fall von Fritz Rudolf Fries (IM „Pedro Hagen“) und anderen. Auch dieses Verfahren heißt „Stille Post“ – ein Spiel, bei dem die Informationen bei der Weitergabe von Ohr zu Ohr immer mehr entstellt werden oder ganz verschwinden.

Immerhin: Auch am Auftakt einer solchen Stillen Post steht eine klare Information aus erster Hand. Um sie haben sich Roland Berbig, Professor an der Humboldt Universität, und seine Studenten bemüht, die mit Fragebogen und Interviews Autoren von Günter Grass bis Wolf Biermann und Christa Wolf über ihre persönlichen Kontakte vor 1989 befragt haben. „Wie ein Wirbelwind“ habe das Jahr 1989 „die mehr oder minder angestrengten Bestimmungsversuche von DDR- und BRD-Literatur“ fortgefegt und die Forscher „in eine lebendige literarische Welt versetzt. Reizvoll ist sie, da voller Anekdoten.“

Darin steckt tatsächlich der Reiz und die Gefahr dieses Buches, das sich auf die „Suche nach Geschichten“ macht, „in denen sich deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Bundesrepublik, der DDR und Westberlin zusammenfinden, privat, inoffiziell und (hier selten) offiziell, um auf ’gesamtdeutsche’ literarische Gegebenheiten Bezug und Einfluss zu nehmen“. Die Gänsefüßchen sind mit Recht gesetzt, denn das Wort gesamtdeutsch hätte damals keiner der Beteiligten in den Mund genommen, wenn man sich über die Grenzen hinweg zusammensetzte. Vorbei und vergessen waren die Fünfziger Jahre mit den letzten Versuchen gesamtdeutscher Autorenbegegnungen, die – generationsbedingt – unterbelichtet bleiben. Dafür erinnert sich Peter Härtling im Gespräch, wie Uwe Johnson 1965 den Gordischen Knoten mit der Anrede löste: „Ich begrüße die Dichter aus den Währungsgebieten Ost und West.“ Danach habe es eine „erstaunliche, schöne und offene Diskussion“ gegeben. Noch saß Johannes Bobrowski dabei, Mittelpunkt vieler Ost-West-Begegnungen, und schon Günter Grass, der mit Bernd Jentzsch den Boden für die legendären Lesungen in Ostberliner Privatwohnungen Ende der Siebziger Jahre bereitete.

Im selben Jahr 1965 hatten auch Wolfgang Neuss und Wolf Biermann ihren ersten gemeinsamen Auftritt in Frankfurt am Main, aus dem eine bis zu Biermanns Ausbürgerung folgenreiche Freundschaft entstand. Das Attentat auf Rudi Dutschke und der sowjetische Einmarsch in Prag stifteten eine Solidarität demokratischer Sozialisten in Ost und West, die nie mehr abreißen sollte. Yaak Karsunke berichtet darüber im Gespräch über die Zeitschrift „kürbiskern“ als Forum der parteinahen Linken in West und Ost. Er selbst hat die Redaktion zusammen mit Christian Geissler im Streit über Prag verlassen.

Dagegen ist Roland Berbig offenbar die Rolle der Zeitschrift „Litfass“ entgangen, die seit den Siebzigerjahren das wichtigste Forum der Szene in Ost- und WestBerlin wurde. Ihr Herausgeber Assen Assenov fehlt unter den Gesprächspartnern des Buches, sein verstorbener Mitherausgeber K.P. Herbach wird nur als Leiter des Berliner Buchhändlerkellers erwähnt. Auch das Thema der Grenzgänger und Übersiedler kommt zu kurz. Ein „Auftakt“ eben – als Versprechen auf Weiteres.

Roland Berbig (Hg.): Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost. Ch. Links Verlag, Berlin 2005, 426 Seiten, 22,90 €.

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