Kultur : Einzigartige Retrospektive des Sittenbildner in Paris

Jörg von Uthmann

Eine Karikatur kann mehr bewirken als ein Leitartikel. Diese Journalistenweisheit entdeckt Honoré Daumier schmerzvoll, nachdem er den "Bürgerkrieg" Louis Philippe als Vielfraß verulkt hatte: Der 24-jährige Lithograph wurde wegen Majestätsbeleidigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Drei Jahre später, am 28. Juli 1835, verübte der Korse Joseph Fieschi mit einer selbstgebastelten Höllenmaschine ein Attentat auf die beleidigte Majestät. Louis Philippe wurde nur leicht verletzt, doch elf Personen aus seinem Gefolge kamen ums Leben. Die Zensur wurde drastisch verschärft: Bis zur Revolution im Februar 1848 musste sich Daumier damit begnügen, die Stützen der Gesellschaft durch den Kakao zu ziehen. Die Revolution führte zu einer Lockerung der Zensur. Aber nach dem Aufstieg Louis Napoleons zum "Prince-Président" und zum Kaiser war alles wieder beim Alten.

Die 4000 Lithographien, die seinen Ruhm begründeten, hat Daumier als drückende Lohnarbeit empfunden. Er wollte malen. Er litt darunter, dass er nur als "Handwerker" galt. Erst 1878, wenige Monate vor seinem Tod, widmete eine Pariser Galerie ihm eine Einzelausstellung. Damals war er schon zu krank und zu blind, um sein Häuschen im Valmondois zu verlassen und nach Paris zu reisen. Daumier lebte in kleinen Verhältnissen. Sein Vater war Glaser, glaubte aber, Poet zu sein und zog von Marseille nach Paris, wo er die Familie kaum über Wasser halten konnte. Der 12-jährige Honoré musste dazuverdienen. Als Laufbursche lernte er die Welt der Justiz kennen, die er später so glanzvoll verspotten sollte. Das Malen hat er nur sehr kursorisch gelernt. Folgenreicher war die Lehre bei einem Graveur. Hier lernte er die neue Technik der Lithographie kennen, die es den Zeitungen erlaubte, ihre Artikel zu illustrieren. Der Zeichner Charles Philipon, der Erfinder der Birne, des satirischen Kürzels für den Bürgerkrieg, gründete 1830 die Zeitschrift "La Caricature" und zwei Jahre später "Le Charivari". Beide Blätter wurden Daumiers professionelle Heimat.

Ohne die lebenslange Armut wären seine Attacken auf die Bürger des juste milieu wohl weniger bissig ausgefallen. Jedenfalls wirken neben ihm selbst berühmte Vorläufer wie Rowlandson oder Hogarth betulich. Was ihnen die Treffsicherheit verleiht, ist ihre Plastizität und Daumiers Talent, Charakterzüge ins Anatomische zu übersetzen. Für die Plastizität gibt es gute Gründe: Wie Poussin von seinen antiken Gestalten vorher Skulpturen anfertigte, so verewigte Daumier die politischen Köpfe, die er auf die Schippe nahm, zunächst in bemaltem Ton. Auch Ratapoil, der zweifelhafte Gentleman mit Zylinder, Stock und imperialem Schnurrbart, war eine Skulptur, bevor er sich in unzählige Karikaturen verwandelte, in denen die Zeitgenossen mühelos den nach der Macht greifenden Neffen Napoleons erkannten.

Als die Republik von 1848 ein Symbol für die neue Staatsform suchte, beteiligte sich Daumier an der Ausschreibung. Seine Ölskizze einer nackten Frau mit zwei Kindern, die an ihren Brüsten saugen, ist ein typisches Beispiel für seinen Malstil - Monumentalität des Konzepts bei Beschränkung auf das Wesentliche. Damit konnte er unheimliche Wirkungen erzielen: Seine "Wäscherin", die mit ihrem Kind vom Seine-Quai emporsteigt, wirkt wie ein Koloss aus der Unterwelt. "Ecce homo" lässt uns mit einer einzigen dramatischen Geste die Demagogie spüren, die das Volk von Jerusalem dazu überredete, Jesus preiszugeben und Barrabas zu wählen - wie später das Volk von Paris die Republik preisgab und Napoleon III. wählte. Bei den Pariser Galeristen hatte er damit wenig Erfolg: Die meisten seiner Gemälde hängen heute in ausländischen Museen.

Paris hat gewaltige Anstrengungen unternommen, um die Sünden der Vergangenheit wieder gutzumachen. Mit 370 Stücken ist die Daumier-Ausstellung, die das Grand Palais zusammengetragen hat, die größte aller Zeiten. Zum ersten Mal kommen neben dem Karikaturisten auch der Maler und der Bildhauer zur Geltung. Daumiers groteske Politiker-Büsten fehlen ebenso wenig wie seine weltweit verstreuten Gemälde und Zeichnungen von Don Quichotte - ein Thema, auf das er immer wieder zurückkam. Und natürlich sind sie alle da, seine eitlen Advokaten, seine schläfrigen Richter, das Publikum auf den billigen Plätzen und die Reisenden in der dritten Klasse der Eisenbahn: ein Panorama des 19. Jahrhunderts, das optische Gegenstück zur "Comédie humaine", die sein Namensvetter Balzac gleichzeitig in schlaflosen Nächten aufs Papier warf.Bis 3. Januar (Dienstag geschlossen).

Katalog 390 Francs.

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