Kultur : Eisblauer Himmel über Berlin Das Brücke-Museum zeigt Schmidt-Rottluff

Jens Hinrichsen

Allein der Titel: „Explosion der Farbe“! Muss eine Ausstellung so knallig daherkommen, um für die späte Malerei von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) zu werben? Dessen glühende Nachkriegskunst hat das nicht nötig und das Brücke-Museum auch nicht, für das der Maler selbst mit einer großzügigen BilderSchenkung den Grundstein legte (Bussardsteig 9, bis 15.1., Mi-Mo 11-17 Uhr).

Fast Schwarz-Weiß ist das früheste Bild in der Ausstellung: „Zerstörung“ (1947) nannte das „Brücke“-Gründungsmitglied sein Ruinenaquarell in Grautönen, überwölbt von einem eisblauen Himmel über Berlin. Im „Blockadestilleben“ (1948) scheint das allgemeine Lebensgefühl der Sektorenstadt eingefroren: Im trüben Licht einer Petroleumlampe werfen leere Flaschen und ein aufgeschlagenes Buch kaltviolette Schatten.

Feste der Farbe sind dagegen die Landschaften, die im Gesamtwerk (und in der Ausstellung) dominieren. Selbst wo klirrende Kälte herrscht, auf dem schneebedeckten „Bahndamm“ (1950), setzt Schmidt-Rottluff Überlandleitungen in orangefarbenen Brand. Geradezu fiebrig glüht die Vegetation in der „Augustnacht“ (1956), unter purpurrotem Himmel lockt ein gelber Weg von der Veranda ins Freie. In diesem Farbzwielicht verschwimmen die Formen wie selten bei Schmidt-Rottluff, doch nie gibt der Maler seine Dingwelt auf. Ob Palmen am Lago Maggiore, Tannenwälder im Harz oder Kiefern im Taunus, alles wurzelt fest im Gegenständlichen und wird von kräftigen, meist komplementärfarbenen Umrisslinien umschlossen. Der Wuchs der Formen hält die Farbe im Zaum. Die Farbe braust und lodert. Sprengstoff ist sie nicht.

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