Kultur : Eisensteins Haus

PETER W.JANSEN

Die Stadt, vor dem steil aufspringenden Altai-Gebirge zwischen 700 und 800 Meter über Null in die Steppe gesetzt, besteht aus Bäumen und Steinen.Die Bäume sind selbst im Oktober noch grün, die Steine sind ewig grau und braun und gelb.Jeder, der hier ein Haus baute, war verpflichtet, einen Baum zu pflanzen, wie bei uns jeder, der ein Haus baut, sein Auto versorgen muß.Mitte des 19.Jahrhunderts als Militärlager an der alten Seidenstraße angelegt, waren die Straßen lange das Imponierendste an Alma Ata, das heute (wieder) Almaty heißt.Mit bis zu 50 Metern sind manche Boulevards so breit wie die Prospekte von Moskau, mit gewaltigen Plätzen und kerzengerade im Geviert wie in Mannheim.Hier aber, so scheint es, mußten keine Bäume gefällt werden, so daß selbst das betonierte Imponiergehabe der öffentlichen Bau-Giganten aus sowjetischer Zeit in einen weichen Teppich eingebettet zu sein scheint.

Die Bevölkerung ist asiatisch und europäisch, Kasachen sind es und Russen in der Hauptsache, neben hundert anderen Völkern.Nicht jeder Kasache spricht auch kasachisch, aber alle sprechen russisch.So kann dem Fremden fast entgehen, daß er hier nicht in Rußland ist.Auch im Panfilow-Park mit dem monumentalen Denkmal aus rotem Granit für die Toten des Großen Vaterländischen Krieges; es könnte auch das Mahnmal an der Kremlmauer sein.Doch gleich nebenan, wenn auch stark vom Verfall bedroht, steht eine alte grüngestrichene Holzkirche.Eher bescheiden wirkt sie verglichen mit der mächtigen Kathedrale, die, ebenfalls aus Holz, die größte ihrer Art sein soll weit und breit.Kein Wunder in dieser Stadt, in der alles groß ist: die Museen, die neuen Banken, das Eisstadion - alles, außer den Kinos.Und in der Kirche ein Instrumentenmuseum, in dem wir an diesem Tag vielleicht die einzigen Besucher sind: Bilder der großen Dichter und Sänger des Landes und zahllose Vitrinen mit Saiteninstrumenten, altväterlich aufgebaut, und auf Knopfdruck erklingt das jeweilige Instrument.Oder der Museumswärter brilliert auf den zwei Saiten seiner schlanken Dombra und bietet dann eine Kassette zum Kauf an.

Ins Kino "Arman" mit seinen zwei Sälen, dem roten und dem blauen mit jeweils etwa 300 harten Sitzen, kommt eine halbe Kompanie Soldaten.Sie sitzen, Mann an Mann, in den hinteren Reihen, und auch sie applaudieren zwischendurch, wenn von der Leinwand eines der wahrscheinlich noch populären Lieder erklingt in dem Sängerwettstreit des Films "Junost Zhambula" (Die Jugend Zhambuls), in dem der kasachische Regisseur Kanimbek Kasimbekow den großen Poeten des Landes feiert, denselben, der in einem der Parks der Stadt majestätisch thront.Es sind diese Lieder, die auch in der Steppe gesungen werden, für Touristen, die in stationär gewordenen ambulanten Jurten des ehemaligen Nomadenvolks mit Pferdefleisch und gekochtem Hammel verpflegt werden, und der Ehrengast bekommt, und er muß das schätzen, eine Scheibe vom Kopf.Das riesige, extrem dünn besiedelte Land, erst im Zuge der Perestroika selbständig geworden, sucht jenseits und diesseits der Überfremdung durch die stalinsche Umsiedlungspolitik nach seiner Identität in seiner Geschichte.

Auch das Filmfestival von Almaty dient diesem Zweck.Es findet zum erstenmal statt und nennt sich "Eurasia", zu recht, weil es eine Funktion erfüllt, die das vom Verfall bedrohte Internationale Filmfestival von Moskau sowenig noch leisten kann wie das neue, russisch dominierte Festival von Sotschi am Schwarzen Meer.Alle Ex-Sowjetrepubliken sind mit ihren Filmen vertreten, die asiatischen so gut wie die europäischen, Litauen und Aserbaidschan, Usbekistan und Moldawien, Weißrußland und Turkmenien, die Ukraine wie Rußland, Georgien, Kirgisien, Lettland, Armenien, Estland, Tadschikistan, Lettland: ein ganzer, in Westeuropa so gut wie unbekannter Kontinent des Kinos ist das.Denn Filmstudios und Filmschulen gab es allenthalben schon zur Sowjetzeit, und inzwischen sind staatliche und private Fernsehanstalten hinzugekommen.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion haben diese Kinematographien ihr Zentrum verloren.Fast.Denn es gibt ihn noch, den Verband der Filmschaffenden, von dem einst die wichtigsten Impulse von Glasnost und Perestroika ausgingen, daheim im Dom-Kino von Moskau, und es ist die einzige republikenübergreifende Organisation, die mit ihren Regionalverbänden die rigide Dezentralisierung überlebt hat, vorläufig noch.Das "Eurasia Filmfestival" deckt einen Bedarf, schließt eine Lücke.Nicht umsonst heißt eine Programmsektion "Die unbekannten Neunziger", mit Filmen der europäischen und asiatischen Republiken, die ihre Landesgrenzen nicht mehr überschreiten konnten, schier hoffnungslos unterlegen der Konkurrenz aus Amerika, der heißesten Ware immer noch im eurasischen Kino.

Das will sich selbst finden und definieren als post-sowjetisch, wozu in Almaty ein von Indien bis England, Frankreich bis Singapur, Rußland bis Deutschland und der Schweiz besetztes Seminar der "Fipresci", der Internationalen der Filmkritik, beizutragen suchte - im weiten Rund eines der mächtigen sowjetischen Bauwerke, dem Dom Druschboi, dem Haus der Freundschaft.Kennzeichen sind gefragt, gemeinsame Kennzeichen aus einem gemeinsamen Erbe, mit dem Übergang von der Gestalt des Helden als Repräsentant seiner Klasse zum Individuum, das nur noch sich selbst vertritt - und einer neuen Sprache der langen Einstellungen, die zum Zusehen und zu Entscheidungen des Zuschauers auffordern.Es ist ein entschieden anderes Kino als das der propagandistischen Montage Sergej Eisensteins, der während des Kriegs, aus Moskau evakuiert, in Alma Ata an seinem Iwan Grosnij arbeitete."Eisenstein in Alma Ata" heißt ein kurzer Videofilm, den das Festival ebenso zeigt wie Produktionen der "Zentralen Vereinigten Studios", in denen zwischen 1942 und 1944 auch Pudowkin, Wertow, Room, Ermler, Kosintzew und Trauberg filmten.Das Haus steht noch, in dem Eisenstein damals wohnte, und die Veranstalter von "Eurasia" lassen sich Tradition und Geschichte nicht entgehen, mag sie auch noch so sowjetisch sein.

"Killer" heißt ein neuer Film aus Kasachstan, "Blockpost" einer aus Rußland.Der eine, von Darischan Omirbajew, erzählt von dem (selbständigen) Taxifahrer Marat, der, nach einem Unfall mit Blechschaden an dem Mercedes eines Gangsters, immer tiefer in Schulden gerät und einen Auftrag als Killer annehmen muß.Der andere, von Alexander Rogoschkin, versucht noch, die Geschichte eines russischen Militärpostens irgendwo - es könnte Tschetschenien sein - als Gruppen- und Klassenschicksal zu gestalten und kann doch nur von Auflösung und Verfall, Demoralisierung und Kriegsverbrechen berichten.Ein harter Film ist das, auf privater Ebene vergleichbar etwa dem kasachischen "Acksuat" (von Serik Aprimow), der von der Zerstörung einer scheinbar intakten ländlichen Familie durch die Konfrontation mit mafiosen Praktiken aus der Stadt handelt.

Mitten in Almaty dann "Poslednije Kalikuli" (Letzte Ferien) von Amir Kurakulow.Drei Freunde, und man meint, sie eben vor dem Kino auf der Straße gesehen zu haben, auch wenn der Film in den siebziger Jahren zu spielen scheint, geraten immer tiefer ins Verhängnis.Von Drogen und Musik, Diebstahl und Denunziation, Mord aus Rache und elendem Krepieren in einem Aufzugsschacht erzählen die Bilder, und während die Übersetzungsanlage mal wieder versagt, Kinderkrankheiten sind das, versteht man alles: "Trainspotting" ist das in Kasachstan.

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