Kultur : Eiserne Hände

Chloe Pienes zweite Einzelausstellung in Berlin.

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Zwitterwesen. Aus der Hand der „Eisernen Frau“ wachsen Tentakeln. Foto: Galerie Thumm
Zwitterwesen. Aus der Hand der „Eisernen Frau“ wachsen Tentakeln. Foto: Galerie Thumm

Im Zentrum der Ausstellung steht eine „Eiserne Jungfrau“. Nicht als Instrument der Folter. Weit mehr scheint die amerikanische Künstlerin Chloe Piene zu interessieren, aus welchem Material das starre Gesicht gemacht und wie stark der Ausdruck jener Figur stilisiert ist. Dass die Jungfrau als Teil der Arbeit „Source Piece“ (3000 Euro) bloß in Fotokopie zwischen anderen Reproduktionen hängt, ändert wenig an der Tatsache: Die Künstlerin hat sie als Quelle ihrer Reflexionen über den Körper und seine Fragmentierung, die Verletzlichkeit und Formbarkeit von Oberflächen genutzt.

Im großen Ausstellungsraum der Galerie Barbara Thumm taucht jene Gestalt wieder auf. Als „Eiserne Frau“, einer großen Installation aus hölzernen Kisten, geronnenen Gipsflächen und mehreren Skulpturen, die Chloe Piene mühevoll hat gießen lassen. „Eiserne Frau“ (95 000 Euro) besteht aus wenig mehr als einem Schädel, einem Abguss aus Plastilin, der das Gesicht der Künstlerin nachzeichnet, und einer schweren Hand, deren zarte Finger in die Tentakeln eines Oktopusses übergehen. Dennoch ergänzt man die Teile unwillkürlich zu einer weiblichen Figur, die sich liegend auf einer Passage mit unbekanntem Ziel befindet: vom Tod ins Leben oder von einem Aggregatzustand in den nächsten.

Die Wirklichkeit hat die 1972 geborene Piene bereits ausgeschlossen, als sie das weiche Fleisch in einer belgischen Gießerei aus Eisen nachbilden ließ. Nun spielt es keine Rolle mehr, wie realistisch die Erzählung ist, die sich im Kopf des Besuchers entspinnt. Die Künstlerin gibt mit ihren skulpturalen Arbeiten ein Zeichen – so wie die zweite Eisenhand im Raum, die sich vom Boden aus einer weißen Gipspfütze nach oben reckt. Ob hier einer ertrinkt oder aber zwei konträre Materialien in erstarrter Form aufeinandertreffen und etwas Neues formen, lässt Chloe Piene unbeantwortet.

Die reduzierte Ausstellung besteht ihrerseits aus lauter Fragmenten, die sich zu einem Raumbild ergänzen. Im gedämpften Licht wirkt die kleine Halle fast wie ein mythologischer Ort, eine Grabstätte oder Tempelruine, in der man Ausgrabungen vorgenommen hat. Piene belässt es bei Andeutungen und streift das Schwere mit erstaunlicher Leichtigkeit.

Anders als in ihren früheren Arbeiten, wo Themen wie Sex und Tod explizit dargestellt waren, deuten auch die Zeichnungen (je 7500 Euro) die dargestellten Körper in hellen Linien auf schwarzem Seidenpapier bloß noch an. Es sind Umfahrungen, von Chloe Piene krakelig und wie sanfte Berührungen ausgeführt. Immer noch erzählen sie vom dünnen Firnis, der das Außen vom Innen trennt. Nur nicht mehr so schroff und schmerzhaft, wie es die Eiserne Jungfrau am Eingang nahelegt. Christiane Meixner

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68; bis 3. März, Di–Sa 11–18 Uhr. Am Freitag, den 24.2., findet um 19 Uhr ein Gespräch zwischen Chloe Piene und der Kuratorin Ellen Blumenstein statt.

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