Kultur : Eiserne Lady

Ulrich Clewing

Marianne Brandt war eine Ausnahmeerscheinung am Bauhaus. Sie war eine der wenigen Frauen, die in Dessau nicht irgendwann doch in der Textil-Klasse landeten. Marianne Brandt hatte sich in den Kopf gesetzt, in der Metallwerkstatt zu arbeiten, und wurde darin von ihrem Lehrer Lazlo Moholy-Nagy vehement unterstützt. Der wusste, warum: Von kaum einem anderen Gestalter sollten so viele Entwürfe in die Serienproduktion gehen wie von der kleinen Dunkelhaarigen mit dem frechen Bopp- Schnitt.

Der Fotografie widmete sich die gebürtige Chemnitzerin anfangs nur nebenbei. Sie hatte das Medium kurz vor ihrer Bauhaus-Phase entdeckt, da war sie dreißig und hatte eine Ausbildung zur Malerin und Bildhauerin bereits hinter sich. Aus dieser Zeit sind nur wenige Fotos von ihr überliefert, eines davon zeigt sie in einer Pose, wie sie nach ihr noch Generationen von jungen Menschen eingenommen haben: die Beine angezogen, die Knie umfasst, sitzt sie da auf dem Fensterbrett und zieht sich in sich selbst zurück.

Die meisten Bilder, die das Verborgene Museum jetzt in einer eindrucksvollen kleinen Ausstellung präsentiert, stammen aus den Jahren 1928/29 (bis 8. Februar, Schlüterstraße 70, Do-Fr 15-19 Uhr, Sa/So 12-16 Uhr). Das ist Bauhaus-Fotografie von ihrer besten Seite: schräge Blickwinkel, gewagte Perspektiven, Horizontalen, die zu Diagonalen werden, das Spiel von Licht und Schatten. Marianne Brandt hat mehrere Selbstporträts gemacht, indem sie in große Weihnachtskugeln hinein fotografierte. Der Effekt konvexer Vergrößerung mit seiner verzerrten, das ganze Atelier grotesk rund widerspiegelnden Raumillusion verblüfft noch heute.

Auf einem anderen Bild sieht man nur die Sonne auf dem Pflaster. Links davon den Schatten eines Laubbaumes, während sich rechts das Raster eines Gartenszauns über den Boden legt – als hätte die Fotografin den Konflikt von Natur und Technik in zwei entgegengesetzten Formerscheinungen ausdrücken wollen. Und natürlich darf auch der Blick von oben nicht fehlen: die Dinge werden dadurch so schön abstrakt, gerade in Schwarz-Weiß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar