Kultur : Eiserner Vorhang

Gerwin Klinger

"Da können wir ja die Mauer aus dem Museum holen und nach Israel schicken." Berliner Vorwitzigkeiten kursierten, als man im Einstein Forum zusammenstand und über den Vortrag des Jerusalemer Politologen Shlomo Avineri diskutierte. Avineri, der das Regierungsgeschäft als Staatssekretär im Kabinett von Yitzhak Rabin kennen lernte, hatte die politische Fantasie mit unkonventionellen Lösungsvorschlägen angeheizt. Er plädierte für eine "unilaterale Option", bei der Israel sich im Alleingang von den besetzten Gebieten trennt, sich mit einer hermetischen Staatsgrenze absichert. Die Palästinenser-Gebiete indes sollen unter saudisches Protektorat gestellt werden; dessen rigoroser Polizeimacht sei der Aufbau terrorismusfreier Strukturen zuzutrauen.

Ein "politisch inkorrekter Verzweiflungsvorschlag": der Ausbruch aus alten Politikmustern. "Wir haben es im Guten und im Bösen versucht. Beides ging nicht!" Die Idee der Versöhnung sei gescheitert. Nie sei ein israelischer Politiker so weit gegangen wie Ehud Barak, der faktisch die Teilung Jerusalems anbot, dennoch habe Arafat den Kompromiss ausgeschlagen. Aber auch die Strategie Scharons, mit "dem großen Hammer" Ordnung zu schaffen, sieht Avineri als gescheitert an. Sie mache Israel zum "politischen Verbrecher". "Wir können den Krieg gegen die Palästinenser nicht gewinnen, wie die USA nicht in Vietnam gewonnen haben." Erreichbar sei eine Stabilisierung, wenn man die Armee zurückziehe und hermetische Grenzen um Israels Staatsgebiet errichte.

Das provozierte Fragen. Avineri hat alles durchgespielt: Damit sich nicht ähnliches wiederhole wie beim Rückzug aus dem Libanon, den die Hisbollah als Sieg interpretierte, müsse der Abzug harte Konsequenzen für die Palästinenser haben. Er soll ohne Verhandlungen erfolgen. Dann soll Israel seine Grenzen so dicht machen wie die UdSSR. Kein Palästinenser, kein Arbeitspendler werde mehr hinein gelassen. Versorgung und Wiederaufbau obliege der saudischen Protektoratsmacht. Binnen 36 Stunden sollen die Palästinenser entscheiden, ob sie die geräumten Siedlungen gegen Zahlung in einen internationalen Fonds für Palästina-Flüchtlinge übernehmen oder ob sie zerstört werden. Was die Chancen für einen Rückzug angeht, so ist sich Avineri sicher, dass es "letztlich eine Entscheidung der politischen Elite" ist. Am ehesten könne ihn die jetzige Regierungskonstellation durchsetzen.

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