Kultur : Eiskaltes Peking

„Nixon in China“ konzertant beim Musikfest.

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Große Momente der Zeitgeschichte zu reflektieren ist nicht gerade das, was wir der Oper zutrauen. Dort dreht es sich meist um Liebe, Drama, Wahnsinn – mithin um zeitlose Begleiterscheinungen des menschlichen Daseins. Der Komponist John Adams aber hat dem Musiktheater Zeitstücke geschenkt, die zugleich große Oper sind. Ausgeheckt mit dem Regisseur Peter Sellars wackelt da nichts auf der Szene, die Texte von Alice Goodman verströmen als Stabreimwunder literarisch-ironischen Glanz. Dazu gesellen sich üppige, stets pulsierende Musik und – selten bei Komponisten der Gegenwart – sängerfreundliche Arrangements.

Das erste Werk aus Adams’ Opernschmiede erlebt im Rahmen des Musikfests nun konzertant seine späte Berliner Uraufführung in der Philharmonie. „Nixon in China“ ging erstmals 1987 über die Bühne– und bannt einen historischen Augenblick in repetitive Klänge, dessen Brisanz uns heute nur mehr auf surrealer Ebene nachvollziehbar scheint: Nixon, als Kommunistenhasser aufgestiegen zur Macht, reist 1972 als erster US-Präsident überhaupt nach Maos China. „Only Nixon could go to China“ sollte ein geflügeltes Wort für die Glaubwürdigkeit von 180-Grad-Wendungen werden. In seinem Dreistünder konzentriert sich Adams auf die Missverständnisse im eiskalten Peking, er selbst dirigiert das hingebungsvolle BBC Symphony Orchestra. „News has a kind of mystery“, jubiliert der medienbewusste Nixon, von Robert Orth atemberaubend als erstarrt grinsender und zugleich melancholisch verhedderter Politiker verkörpert. Mao (erdenfern: Alan Oke) sinniert reichlich konfus darüber, dass Konfuzius nicht mehr gebraucht werde. Nixon schlägt daraufhin „a long march on new highways“ vor. Im zweiten Akt werden alle Protagonisten aberwitzig in einem Propagandaballett herumgewirbelt, begleitet von einer blühenden Wagner-Paraphrase. Zuletzt versinken Nixon und Mao, Kissinger (pantoffelmephistophelisch: James Rutherford) und Premier Tschou En-lai (elegant: Gerald Finley) vor der Abreise ins Grübeln – und in ihrer Vergangenheit. Bei dieser Musik kann man aber auch schwach werden. Ulrich Amling

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