Kultur : Eitle Mäuse, träumende Anrichten

RALPH GEISENHANSLÜKE

Das Spruchgut ist bekannt: "Gewinner sind Verlierer mit einer neuen Einstellung" oder "Träume sind nur so lange Träume, bis wir aufwachen und sie wahr werden lassen".So und tausendfach paraphrasiert finden wir sie in den "Think-positive"-Bibeln populärer Lebensberater wie Dale Carnegie, gestrickt nach dem Muster "Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen".David Byrne hat sie in seiner Fotoserie "Better Living through Chemistry" vor typische Landschaften des American Dream gestellt, vor Skylines bei Nacht oder vor die erhabene Weite von Marlboro-Country.Nur ein Detail stört dabei: eine Spritze zum Beispiel, eine Pfeife, ein gerollter Geldschein.Handwerkszeug zum Drogenkonsum, das in die Leuchtkästen montiert ist, welche perfiderweise aussehen wie Werbung an der Bushaltestelle.Auch die heile Welt hat halt ihren Preis.

David Byrne? Genau der: Sänger und Kopf der Talking Heads, Komponist von Theater- und Filmmusiken - unter anderem für Robert Wilson und Bertoluccis Film "Der letzte Kaiser" -, selbst Filmemacher ("True Stories") und nicht zuletzt Betreiber eines Labels mit Namen "Luaka Bop", das lateinamerikanische und indische Musik veröffentlicht.Der 46jährige zählt nicht zur Sorte alternder Popstars, die auf eine Zweitkarriere im Museum hoffen.Zwar hat er - wie viele Kollegen - Kunst studiert, hat wie der mittlerweile malende David Bowie, wie Johnny Rotten, John Lennon und Brian Eno das Wissen daraus für seine Imagepolitik genutzt.Doch David Byrne, von dem der "Downbeat" einmal schrieb, er sehe aus wie Norman Bates, der Killer aus "Psycho", während er mit einer Rockband spielt - er verzichtete während der zwölf Jahre mit den Talking Heads auf den gewöhnlichen Bühnen-Machismo, sah eher aus wie ein neurotischer New Yorker Bürotyp, der zufällig auf die Bühne gestoßen wurde.Seine Band, die Talking Heads haben immer mit den verstrahlten Resten amerikanischer Mythen gespielt.Beinah jeder, der heute über dreißig ist, kennt Songs wie "Once in a Lifetime", in dem ein jung-dynamischer Angestellter sich fragt, wie er in dieses schöne neue Auto gekommen ist und wer die Frau ist neben ihm.

Nach 27 Ausstellungen in anderen Ländern zeigt David Byrne seine erste größere Einzelausstellung in Deutschland.Sie verspricht: "Glory! Success! Ecstasy".Und zeigt: die zweifelhaften Wege, die Menschen einschlagen, wenn sie zu sehr davon besessen sind.Zwei weitere Serien mit Fotos hängen in den Kellergewölben der Münchner Praterinsel: "Wedding Portraits" zeigt behoste und berockte Möbelstücke, eine kleine Anrichte etwa, die mit einem derben, karrierten Rock in der 50er-Jahre-Küche steht, einen Hocker in Unterhosen, eine Microsoft-Mouse als Braut herausgeputzt.Durch das Arrangement werden diese Gegenstände lebendig und entfalten sanft-surrealen Witz: Die Küchenanrichte wirkt wie eine gütige Mutti, die selbstlos ihren Pflichten nachkommt und davon träumt, daß die Kleinen es mal besser haben, der Hocker wie ein unreifer, großmäuliger Jüngling und die Mouse wie ein eitles Wesen, das hofiert zu werden wünscht.Das kerzenumrahmte Besteck ist sowieso heilig.

Die zweite Serie, "Sacred Objects" hebt Alltagsgegenstände wie eine Kneifzange oder einen Zahn in den Rang einer Reliquie.Byrne sagt, er stelle die Objekte "in einen anderen Zusammenhang, in den Bereich des Immateriellen.Dort, wo Sex, Geld, Stolz, Macht, Religion, Drogen und Glückseligkeit aufeinanderprallen.Dies ist unsere Welt, könnten wir nur den besessenen Predigern zuhören, der Werbung, den Verkäufern und den wütenden Ausbrüchen von Betrunkenen und Süchtigen." In seinem Film "True Stories" flaniert Byrne mit John Goodman durch eine Shopping Mall, gondelt in einem Chrysler Le-Baron-Cabrio durch Postkartenlandschaften - einen überdimensionalen Stetson-Hut auf dem Kopf - und zeigt auf sein Land.Man könnte das Realsatire nennen, aber es ist mehr: die Fähigkeit, den Kitsch, die Abgründe des Alltags unkommentiert wiederzugeben, ohne sich darüber zu erheben.Oder wie Byrne sagt: "Es geht um Liebe, darum, Dinge ebenso zu lieben wie Menschen.Darum, ihnen die Liebe zu geben, die sie verdienen".Und dazu gehört eben auch ein ironischer Klaps.

Aktionsforum Praterinsel, München: bis 15.11.; zur Austellung erscheint eine CD.

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