Eklat in Düsseldorf : Tannhäuser in der Gaskammer

Es ist soweit: Das Wagner-Jahr hat seinen ersten handfesten Skandal. In Düsseldorf ist eine "Tannhäuser"-Inszenierung nach vehementen Publikumsprotesten abgesetzt worden, weil sie - allzu plump? - auf das Grauen der Nazi-Zeit zurückgreift.

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Elena Zhidkova als Venus und Daniel Frank als Tannhäuser mit Nazi-Binde in der Inszenierung von Burkhard C. Kosminski an der Rheinoper Düsseldorf.
Elena Zhidkova als Venus und Daniel Frank als Tannhäuser mit Nazi-Binde in der Inszenierung von Burkhard C. Kosminski an der...Foto: dpa

Es war wirklich nicht zu erwarten, dass dieses Wagner-Jahr ohne größeren Eklat vorbeirauschen würde. Dass der jetzt aber ausgerechnet im beschaulichen Düsseldorf von der Deutschen Oper am Rhein produziert wird, überrascht dann doch. Was ist passiert? Nach vehementen Zuschauerprotesten hat das Haus seine neue „Tannhäuser“-Inszenierung, die erst vor wenigen Tagen Premiere hatte, vom Spielplan genommen. Das Stück wird nur noch konzertant aufgeführt. Regisseur Burkhard C. Kosminski, Schauspielchef in Mannheim, hat offenbar an Drastik nicht gespart. Schon zur Ouvertüre lässt er nackte Statisten in einer Gaskammer, die sich mit Nebel füllt, zu Boden fallen. Dann hält er die Musik komplett an, eine Familie muss sich entkleiden, wird rasiert und von Tannhäuser und SS-Männern erschossen. Schon nach 30 Minuten soll die Vorführung in Buh-Rufen ertrunken sein, angeblich mussten sich Zuschauer nach der Vorstellung in ärztliche Behandlung begeben.

Anscheinend haben die Beteiligten in Düsseldorf alles falsch gemacht. Der Regisseur stülpt Wagner – zwar glühender Antisemit, aber ohne kausalen Zusammenhang zum Holocaust – ein billig zu habendes Nazi-Konzept über, die Theaterleitung um Intendant Christoph Meyer schaut wochenlang besorgt zu, greift aber nicht ein, um sich schließlich doch von der Produktion zu distanzieren.

Der Vorfall lässt Fragen offen. Sollte sich Kosminski tatsächlich um eine tiefere Auseinandersetzung mit der so zerrissenen und schwer auf einen Nenner zu bringen Figur des Tannhäusers gedrückt haben, wären die Zuschauertumulte wohl berechtigt. Anders liegen die Dinge, wenn es hier ein bildungsbürgerliches Publikum einfach nicht ertragen kann, in die Fratze der grausamen und abgründigen deutschen Vergangenheit zu blicken. Aber das bleibt Spekulation, die Aufführung ist abgesetzt, man wird die Vorwürfe nicht mehr überprüfen können.

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