Kultur : Ekstase im Übergang

NORBERT SERVOS

Früher begeisterten die Stücke, die Joseph Tmim für Dance Berlin, dann mit der "toladà dance company" kreierte, durch eine ungebremste Bewegungslust.Sie besaßen jene Energie, jenen Drive, der großstädtisches Tempo und harsche Konflikte reflektiert.Dabei hat er nicht nur einen eigenen Stil, sondern - wichtiger noch - eine klare tänzerische Sprache entwickelt, technisch anspruchsvoll und ausdrucksstark.

Schon mit seiner vorletzten Kreation, "Silence Dance", jedoch wechselte der Choreograph die Tonart.Seine Sprache wurde intimer; der Krieg fand nicht mehr außen statt, er korrodierte die Personen von innen her.Tmim beruhigte den Duktus seiner Stücke - und kam damit der innersten Wahrheit seiner Figuren ein gutes Stück näher.

Die in diesem Jahr in kurzer Folge hintereinander produzierten "Skizze DaDance Nr.1" und "DaDance Nr.2" versuchen auf den Spuren der Dadaisten den neu gefundenen Weg weiter zu verfolgen.Wie bei den Sprachanarchisten des Jahrhundertbeginns wird die Welt der konventionellen Bedeutungen zielstrebig verwirrt, werden die Übereinkünfte, die Sicherheit versprechen, aufgekündigt.Etwas anderes soll zum Vorschein kommen, etwas aus dem Innersten der Person.In der "Skizze" verschloß sich das Stück jedoch hermetisch vor dem Zuschauerblick und zog sich in rätselhafte Innenwelten zurück.Kaum konnte man ahnen, was die fünf Personen umtreibt und zu ihren obsessiven Aktionen mit Bestecken und Möbeln motiviert.

In "DaDance Nr.2", jetzt gezeigt im Theater am Halleschen Ufer, formuliert sich Tmim im Ansatz klarer.Geblieben sind das Wasserbecken, ein Ort lustvoller und verzweifelter Selbsterfahrung, und der runde Familientisch, über den sich die Akteure buchstäblich ziehen.Was die vier Darsteller Yaron Brunn, Charlotta Öfverholm, Yvonne Weschke und Sigal Zouk eint, ist das Lebensgefühl einer verwarteten Zeit.Die Welt "draußen" nimmt ihren Lauf und hinterläßt doch in der Innenwelt der Figuren kaum einen Abdruck.Sie leben eingesponnen in den Kokon ihrer Erinnerungen und finden den Weg nicht heraus.Rituale bestimmen das Leben in der Nacht - und die eigene Unentschiedenheit.Sie ziehen sich aus und verhüllen sich doch gleich wieder.Sie wollen einander berühren und ziehen sich doch wieder kichernd zurück.Sie stopfen sich den Mund mit Kugeln aus Plastikfolie und würgen sie wieder hervor.Selten einmal, daß zwei Frauen die Kleider abstreifen und in lustvollen Schlangenbewegungen tanzen - für einen Moment bei sich angelangt, eine zärtliche Nähe probierend.Auch die immer wieder ansetzenden verzückten Tänze mit himmelwärts gerichtetem Blick beschwören die Ekstase nur.Erfüllen kann sie sich nicht.

Tmim hat sein Stück als Stationsdrama angelegt.Jeder Ort ist möbliert, gleichsam zugestellt mit Erinnerung.Die will abgearbeitet sein und gibt doch den Weg nicht frei.Immer wieder gelingen der Choreographie, gerade in den Bewegungssequenzen, schöne, dichte Momente.Doch oft bringt sie das tänzerische Gold, das sie spinnt, nicht recht zum Leuchten.Es ist, als stünde sie sich zuweilen selbst im Weg.Die gewagten Sturzrollen, die zerbrechenden Linien verflüchtigen sich in eine amorphe Sprache - dem Thema wohl gerecht und doch auch undeutlich.

Joseph Tmim hat die rabiate tänzerische Attacke seiner früheren Arbeit durch eine weichere, subtilere Sprache ersetzt.Das ist gut so, denn sie bringt ihn sich selber und seinen Figuren näher.Die Form für diese neue Tonart freilich ist noch nicht gänzlich ausgereift, der Choreograph noch unterwegs.

Die neue beratende Jury der Senatsverwaltung hat die "toladà dance company" von der Liste der optionsgeförderten Gruppen gestrichen.Verdient hat sie das nicht.Entwicklung vollzieht sich nicht nur in Höhepunkten, sondern auch in Zwischenschritten.Die sollten zugestanden werden.

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