Kultur : Ekstasen

Das 6. Berliner Literaturfestival ist eröffnet

Gregor Dotzauer

Und zum Auftakt des Literaturfestivals ein Gedicht, nein, ein Gesang, in dem Schrecken und Schönheit miteinander ringen, eine apokalyptische Halluzination, ein schamanisches Kreischen, unter dem Amerika zusammenbrechen soll. Allen Ginsbergs „Geheul“, dieses vierzig Jahre alte Urpoem der Beat Generation, kann einem immer noch in die Knochen fahren. Auf Deutsch, so wie es Michael Krüger am Dienstagabend im Haus der Berliner Festspiele vortrug, bevor ein Eröffnungsgruß von Hausherr Joachim Sartorius oder Festivalleiter Ulrich Schreiber die Wucht dieses Großpoems abmildern konnte – und sicher auch in den anderen elf Sprachen, in denen es nun Tag für Tag, bis zum Ende des Festivals, im Café Nabokov weitergereicht wird: „Moloch! Moloch! Roboter-Apartments! unsichtbare Vorstädte! Skelette in den Tresoren! blinde Hauptstädte! dämonische Industrien! gespenstische Nationen! unbesiegbare Irrenhäuser! Schwänze aus Granit! monströse Bomben!“

Das war schon mehr als eine Andeutung jener „magnetischen Verbindung“ des Künstlers zum ursprünglichen „Gesang der Welt“, den der aus Martinique stammende Dichter und Kulturtheoretiker Edouard Glissant in seinem „Lob der Unterschiedlichkeiten und der Differenz“ beschwor: schwer atmend, mit einer gepressten, hohen Stimme, die sich immer wieder die Dringlichkeit ihrer Mission wegräusperte. Eine Wortmusik anderer Art, in der Erwägungen zur Migration, zu einem unkorrumpierten, offenen Schönheitsbegriff und zum Wechselspiel von kultureller Identität und Differenz miteinander verschwammen. Jenseits der Banalität, dass sich das Eigene seiner selbst nur am Fremden vergewissern kann, hatte das oft etwas Verunklarendes – mit luziden Passagen: „Die Meere sind nicht mehr geheime Seen, die günstige Grenzen bilden wie einst, einer der vielen von den Küsten Spaniens vertriebenen Migranten hat ganz ruhig verkündet, selbst wenn das ganze Meer davor mit Barrieren aus Elektrozäunen bepflanzt wäre, würde er sich wieder aufmachen auf dieses kalte Meer, irgendetwas benutzen, einen alten Kahn, einen Palmstamm, ein Gummiboot, er müsse seiner Familie einfach Geld schicken, welcher Mann auf der Welt könnte das nicht verstehen, und die Kamera filmt ihn zufällig von unten, er steht aufrecht wie eine Statue, ein Totem, gültig für uns alle.“ Es hörten zumindest alle. Bis auf einen: Nach einem Blitzbesuch, der nicht einmal bis zu Schreibers Rede vorhielt, hatte sich Kultursenator Thomas Flierl da schon wieder aus dem Staub gemacht.

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