Kultur : Ekstatisch. Praktisch. Gut

Wir woll’n ’nen Cowboy als Chef: Carl St. Clair ist neuer Generalmusikdirektor der Komischen Oper

Christine Lemke-Matwey

Es ist ein kräftiger Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Kirill Petrenko, der Musikchef der Komischen Oper Berlin, war jungsche 30 Jahre alt, als er zur Spielzeit 2002/03 sein Amt antrat, und er kam aus Sibirien. Das heißt, er kam natürlich nicht direkt aus dem kalten Sibirien, sondern nach Studien in Wien aus dem kleinen Meiningen, und das wiederum hat etwas mit seinem Nachfolger zu tun – und doch dürfte sich an der Behrenstraße vieles ändern. Carl St. Clair nämlich, der ab Herbst 2008 Petrenkos Posten übernimmt, ist mit 54 Jahren im besten Mannesalter und er kommt aus dem wilden Westen, aus Texas. Das heißt, auch er kommt natürlich nicht direkt aus Texas nach Berlin, sondern schmuckerweise aus Weimar, wo er seit anderthalb Jahren als Generalmusikdirektor dem Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle vorsteht – und trotzdem, wie gesagt, wird jetzt vieles anders.

Meiningen, Weimar: Der ostdeutsche Buschfunk scheint bestens zu funktionieren, wenn es darum geht, hauptstädtische Trittbretter zu besetzen. Kirill Petrenko hat an der Komischen Oper Karriere gemacht. Ein emsiger, eiserner Arbeiter. Ein Orchestererzieher, der seine musikalischen Vorstellungen lieber strikt ausdirigiert als sie der Gnade der kollektiven Inspiration zu überlassen. Das Orchester der Komischen Oper ist an diesen seinen Ansprüchen enorm gewachsen: spieltechnisch, klanglich, was Präzision und Flexibilität angeht. Gute russisch-österreichische Schule?

Carl St. Clairs erfolgreiches Probedirigat an der Komischen Oper war nach einem Konzert mit dem Orchester der Deutschen Oper im Jahr 2002 (Brahms, Schostakowitsch) sein bislang zweiter Auftritt in Berlin. Wer ihn je erlebt hat, in Weimar oder in seinen sechs Jahren als ständiger Gastdirigent beim SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, der weiß von einem Pultekstatiker zu berichten. Das Zuchtmeisterliche, Erbsenzählerische ist seine Sache nicht. Ihm geht es – und das hat die Musiker der Komischen Oper einhellig begeistert – um den Funkenflug, den Augenblick, darum, Bühne und Saal emphatisch zu entzünden. Echte Südstaatenschule?

Im Vergleich zu seinem sinfonischen Werdegang nimmt sich St. Clairs Opernerfahrung allerdings schmal aus. Der Texaner, der bei dem Furtwängler-Schüler Walter Ducloux in die Lehre ging und in Bernstein, Ozawa und Masur gewichtige Mentoren fand, hat zwischen der amerikanischen Ostküste und Neuseeland fast alles dirigiert. Mit Crossover- Projekten brachte er das Pacific Symphony Orchestra ins Gespräch (das er seit 1990 leitet), außerdem besitzt er eine überzeugte Schwäche fürs Zeitgenössische: „Ich wollte nie in einem Museum arbeiten!“

Auf seiner Musiktheater-Agenda hingegen finden sich lediglich die Austin Lyric Opera („Rigoletto“, „Bohème“, „Tosca“, „Tannhäuser“), eine „Zauberflöte“ an der Pacific Opera sowie Gastverträge in Bonn und Hannover. Seinen Nachholbedarf wird St. Clair an der Komischen Oper getrost stillen können. Sechs Jahre lang läuft sein Vertrag und sieht 58 Abende pro Saison vor sowie sechs Monate Anwesenheit in Berlin. Bereits nächste Saison dirigiert er eine Premiere und zwei Konzerte an der Behrenstraße. Wer sich so lange nicht gedulden mag, der reise flugs nach Weimar, wo Carl St. Clair derzeit Wagners „Rheingold“ (16., 25.3., 6.4.) und Mozarts „Così“ (14.4.) dirigiert. Mit dem Umzug wird der Texaner dem Vernehmen nach wenig Last haben. Außer einem Klavier, einer Trompete und ein paar Taktstöcken besäße er nicht viel, hat er einmal gesagt. Und ums Geld kümmert sich seine Frau.

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