"El Bar" aus Spanien auf der Berlinale : Metzeln nach Zahlen

Wettbewerbsfilm außer Konkurrenz: In „El Bar“ kämpfen Kneipengäste ums Überleben. Eine Fusion von Mystery-Thriller, Horrorfilm und schwarzer Komödie.

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Menschen am Abgrund. Der Weg in die Freiheit führt durch den Keller.
Menschen am Abgrund. Der Weg in die Freiheit führt durch den Keller.Foto: Berlinale

Am Ende von „El Bar“ taumelt eine völlig durchnässte junge Frau in verdreckter Unterwäsche durchs Zentrum von Madrid. Passanten werfen ihr befremdete Blicke hinterher, eine Dame legt ihr eine Jacke über die Schultern. Am Anfang lief die Frau schon einmal durch die Straßen, noch auf hochhackigen Schuhen und im teuren Mantel. Sie telefonierte unablässig per Freisprechfunktion und war unterwegs zu einem Rendezvous. Dann bog sie in eine Bar an der Ecke eines kleinen Platzes ab, um noch schnell ihren Akku aufzuladen. Schwerer Fehler.

Denn das titelgebende Lokal in Álex de la Iglesias Thriller, der außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale läuft, ist ein Ort, den man nicht wieder verlässt. Jedenfalls nicht lebendig. An diesem scheinbar völlig normalen Vormittag haben sich dort ein paar Kaffee trinkende Freiberufler versammelt, mit der Wirtin plaudernde Stammgäste und Vorruheständler, die das erste Bier des Tages bestellen. Als ein Gast geht, wird er vor der Tür erschossen. Ein Handwerker, der ihm zur Hilfe eilt, stirbt ebenfalls per Kopfschuss.

Durch die Glasfront der Bar sehen die übrigen Gäste, die Wirtin und ein Kellner, dass der Platz plötzlich menschenleer ist. Auch aus den umstehenden Häusern sind plötzlich alle Lebenszeichen verschwunden. Das ganze Viertel wirkt wie ausgestorben, wie nach einer Evakuierung. Als die heftig spekulierenden und diskutierenden Menschen in der Bar einen Moment nicht aufpassen, sind die beiden Leichen ebenfalls weg. Nicht mal eine Blutspur haben sie hinterlassen.

Klar: Der Mensch ist des Menschen Wolf

Álex de la Iglesia gilt als Wunderkind des spanischen Genrekinos. Er inszenierte unter anderem die Kaufhauskomödie „Ein ferpektes Verbrechen“, die bildmächtige Horrorclown-Groteske „Mad Circus“ und den konventionellen Whodunit-Krimi „Oxford Murders“. „El Bar“ versucht nun eine Fusion von Mystery-Thriller, Horrorfilm und schwarzer Komödie, der Plot folgt Zombiefilmen wie George A. Romeros „Night of the Living Dead“.

Draußen wartet das Böse und drinnen verschanzen sich die Helden, in diesem Fall sechs Kneipengänger und zwei Bedienungen. Wobei längere Zeit unklar bleibt, welches Gesicht das Böse hat. Erst als Soldaten in Schutzanzügen auftauchen, scheint klar zu sein, dass sie einen Kampf gegen einen militärisch nutzbaren Virus führen – und gegen die Träger dieses Virus. „Angst verändert die Menschen“, sagt Elena, die junge Frau mit dem leeren Handyakku (Blanca Suárez). „Nein, Angst zeigt, wie wir wirklich sind“, entgegnet der Obdachlose Israel (Jaime Ordóñez), der ansonsten Zeilen aus der Apokalypse zitiert.

Bald verlagert sich die Handlung weg vom Tageslicht, hinab in den Untergrund. Eine Gruppe der Überlebenden wird in den Vorratskeller gesperrt, von dort führt der einzige Ausweg in die Kanalisation. Eine Pistole taucht auf, die Soldaten setzen das Haus in Brand, Fraktionskämpfe beginnen, der Werbe-Hipster Nacho (Mario Casas) schwingt sich mit brutalen Methoden zum Chef auf. Klar: Homo homini lupus est. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Schade, dass die Auflösung des Thrillers schon nach dreißig Minuten kein Geheimnis mehr ist. Der Rest ist Metzeln nach Zahlen.
16.2., 9.30/18.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 22.30 Uhr (International)

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