Kultur : El Lissitzky: Gebeutelte Erben

Stephan Lohr

Am Ende ging es nicht um Geld oder Kunst, worum Jen Lissitzky, der Sohn und Erbe des konstruktivistischen Künstlers El Lissitzkys, mit der Kölner Galerie Gmurzynska jahrelang gestritten hatte, sondern nur noch um Behauptungen und ihre Interpretation. Denn Lissitzky Junior, heute in Spanien lebend, hatte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. August 1998 in einem ausführlichen Artikel dargelegt, wie aus seiner Sicht die auf russische Avantgarde spezialisierte Kölner Galerie sich Kunstwerke seines Vaters angeeignet hatte. Dabei geht es um heikle Kunsttransfers aus der Sowjetunion in den Westen in den siebziger Jahren, wo es einen Markt für die in der UDSSR zum Teil noch verschmähte Kunst der Zwanziger gab.

Beide Parteien - die Galerie und die Lissitzky-Erben - hatten seinerzeit den eisernen Vorhang für unüberwindbar angesehen. Die Galerie wusste um die Gewinnspannen und wagte die notwendigen konspirativen Umstände bei Erwerb und Transport. Für den in Nowosibirsk lebenden Jen Lissitzky und seine Mutter wiederum bedeutete dies die Möglichkeit, sich den sibirischen Alltag erheblich zu erleichtern durch Geld, Medikamente, dies und das.

Nachdem Jen Lissitzky 1989 in den Westen übersiedeln konnte, interessierte ihn verständlicherweise die Wertdifferenz der verkauften Werke, und er fragte nach dem Gewinn für die Galerie und in welchem Verhältnis dieser zu Geldern und Gegenständen steht, die den in sibirischer Verbannung lebenden Erben überlassen wurden. Prompt kam es zum Gerichtsstreit, der im Sommer 1992 mit einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht Köln endete und - zum Ausgleich aller gegenseitigen Ansprüche - die Galerie zur Zahlung von 300 000 Mark sowie Übernahme aller Verfahrenskosten verpflichtete.

Jen Lissitzky hatte zwar moralisch obsiegt, doch der Vergleich schützte die Galerie vor möglicher Verurteilung - zumal beide Parteien über den Inhalt des Vergleichs Stillschweigen vereinbart hatten. Trotzdem blieb der Kunsttransfer zwischen Ost und West ein Thema der Nachwendezeit, und Jen Lissitzky machte sich auf die Suche nach jenen 13 Bildern, die seine Mutter bei ihrer Emigration in Deutschland zurückgelassen hatte, und die seit der Beschlagnahmung durch die Nazis 1937 verschollen waren. Lissitzky entdeckte die gesuchten Klees und Kandinskys in Museen in Basel, Köln oder München. Der nächste Konflikt war vorprogrammiert, denn schließlich erschienen die Erben bis 1989 nicht nur unerreichbar, sondern blieben auch ihrerseits untätig. Ein Problem, das sich 45 Jahre nach Kriegsende kaum mit dem Hinweis auf Verjährung lösen lassen kann.

Auch wenn die Gmurzynska mit den darauf folgenden Auseinandersetzungen nichts zu tun hatte, blieb der Galeriename weiter im Gespräch, denn ihre guten Kontakte in die Sowjetunion beschränkten sich nicht allein auf die Lissitzky-Erben. Die Prozessgegner von 1992 kamen erst wieder zusammen, als sechs Jahre später das Sprengel Museum in Hannover die sogenannte Teneriffa-Kollektion von Ernst Schwitters, dem Sohn des Dadaisten Kurt Schwitters, ausstellte und bei einigen Bildern die Provenienz in Frage stellte - darunter ein Blatt von El Lissitzky, erworben bei der Galerie Gmurzynska. Jen Lissitzky widerrief darauf die frühere Bestätigung einer Autorschaft seines Vaters und erklärte nun, es habe sich um ein honoriertes Gefälligkeitsgutachten gehandelt. Als noch weitere Bilder, die der Schwitters-Sohn bei Gmurzynska erworben hatte, in Gerede kamen, geriet die renommierte Galerie in Erklärungszwang.

In dieser Situation erschien Jen Lissitzkys FAZ-Artikel "Goldadern in der ewigen Verbannung" mit dem Untertitel "Wie eine deutsche Galerie den Nachlass des russischen Avantgarde Künstlers El Lissitzky ausbeutete". Gegen diesen Artikel, insbesondere gegen die Unterzeile sowie eine Reihe von Detailbehauptungen erhob die Galerie Unterlassungsklage. Beim Oberlandesgericht Frankfurt erreichte sie zwar die Zurückweisung von fünf Passagen des Beitrags, nicht jedoch die Ächtung des Untertitels, worauf die Galerie Revision beim Bundesgerichtshof beantragte. Der hat nun entschieden: "Die Revision wird nicht angenommen ... sie hat keine Aussicht auf Erfolg", lautete das Urteil. Damit gilt die Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt. Das bedeutet, dass Jen Lissitzky, die FAZ und jeder andere behaupten darf: "wie eine deutsche Galerie" - und gemeint ist die Kölner Galerie Gmurzynska - "den Nachlass des russischen Avantgarde Künstlers El Lissitzky ausbeutete".

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