Kultur : "El Trilogy": Die Farben der Utopie

Ulrich Amling

Früher ließ sie ihre Tänzer Wände empor stürmen, fegte über Parkdecks und erklomm Bäume. Heute ist Trisha Brown mit ihrer Company auf der Erde angekommen - und rund um den Globus ein begehrter Festival-Star. 63 Jahre zählt sie nun, die Erfinderin des "Post Modern Dance", und ihr Credo lautet wie ehedem: Zum Teufel mit der Expressivität. Sie befreite Körper vom Zwang zur getanzten Geschichte, entdeckte die Schönheit in der Struktur und experimentierte mit dem Zufall. Die Kraft scheinbar chaotisch verlaufenden Schaffensprozesse lernte sie - wie eine ganze Generation - durch John Cage kennen. Und Trisha Brown begann, die absolute Herrschaft über ihre Aufführung Stück für Stück an die Tänzer abzutreten, erarbeitete mit ihnen ein reiches Bewegungsrepertoire und gewährte ihnen Bühnen-Zeit, um es auszuprobieren.

Dass es Brown auf ihrem Weg zum Jazz und der hohen Kunst des Improvisierens führen würde, konnte man freudig voraussehen. Und wird dennoch überrascht. "El Trilogy", mit der die Company beim Tanz-Winter im Hebbel-Theater gastiert, vereint drei Arbeiten zu Musik, die Dave Douglas mit seiner Formation "Charms of the Night Sky" eingespielt hat. Der "Jazz-Musiker des Jahres 1999", mit seiner Trompete unterwegs auf dem Weg zum ganz großen Ruhm, verschmilzt kraftvoll Elemente von Klezmer und Tango, ohne Volksmusik zu spielen. Er erweist den "Monsters of Jazz" respektvoll die Ehre, mit dem Blick eines Architekten und dem Herz eines Großstadt-Romantikers. "El Trilogy" ist ein 90-minütiges Douglas-Konzert von wilder Traurigkeit und mildem Lebenshunger. Doch anstelle der Musiker treten Trisha Browns in allen Farben des Regenbogens gewandete Tänzerinnen und Tänzer auf.

Wie Farbtupfer wirbeln sie vor dem schwarz-weißen Linienraster des Malers Terry Winters, imitieren Bewegungen der anderen wie Jazzer in einer Jam-Session, zählen plötzlich Schrittfolgen mit. In den "Five Part Weather Inventions" wird so der Anschein einer kühl abgezirkelten Körper-Kür subtil und voller Charme aufgebrochen - und entsteht im selben Moment von Neuem: Vollendet beherrscht die Company den Raum, schöpft schier endlose Kraft gerade aus der Leichtigkeit der unaufwändigen Bewegung. "Mein Tänzerherz ist aus dem Käfig heraus", hat Trisha Brown über ihre "El Trilogy" gesagt, und sie lässt Tänzer und Publikum kosten, wie süß die Freiheit ist. In strahlenden Farben und leuchtenden Formen agieren sympathische Menschen - und lachen. Sie beobachten einander nicht mit kritischem Artistenblick, sie sind überrascht und selbst gut für Überraschungen. Im zweiten Teil, "Rapture to Leon James", gedenkt Trisha Brown dem legendären Tänzer des Harlem Savoy Ballroom, der in den 30er Jahren nicht nur ein begnadeter, sondern vor allem ein ansteckender Improvisator gewesen sein soll. Der Remix aus dem Jahr 2000 fällt klar und betörend lässig aus, ohne mit dem extrovertiertem Stil des fetzigen "Lindy-Hoppers" in Konkurrenz zu treten. Und das allein deshalb, weil Begriffe wie "extrovertiert" und "Konkurrenz" im künstlerischen Vokabular einer Trisha Brown gar nicht vorkommen. Ihre Choreografien formulieren farbenfroh eine Utopie, die das Absterben gesellschaftlicher Dogmen überlebt hat. In "El Trilogy" strahlt sie heller denn je.

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