Kultur : Elaine Sturtevant: Freier Wettbewerb

Michaela Nolte

Theater müsse wie Fußball sein, verkündete die Off-Szene der achtziger Jahre: hinaus aus der bürgerlichen Guckkasten-Bühne. Auf die Publikumsbeschimpfung folgten Mitbestimmung und Mitmachtheater. Der Profi-Schauspieler fungiert als Animateur, den Rest besorgen spiel- und kampflustige Laien. Elaine Sturtevant pfeift nun gemeinsam mit Adidas an zu einer Kunst als Massenkultur für jedermann. König Fußball avanciert zum Kunst-Stück und der Ausstellungsbesucher zum Künstler.

Versuchsaufbau

Ein Tisch mit Papier und Stiften forderte am Eröffnungsabend zu einem Zeichenwettbewerb heraus, und als Modell hatte der Sportartikelhersteller eine quietschbunte Phalanx aus Turnschuhen bereitgestellt. Gegenüber öffnet das Video eines Rasenfeldes den Galerieraum zu poetischer Leere, die aber nach der Rechtskurve der Räume jäh abbricht: Hier schnappen projizierte Zuschauermassen zu wie eine Falle. Ende der Poesie - ein Video zeigt Zusammenschnitte aus aggressiven Werbespots, die von Techno- und Jubel-Sounds untermalt werden. In der Masse wird die Wahrnehmung indifferent, der Jubel zur Kakophonie und die kickenden Jungmillionäre, die aus diesem Kampf hervorgehen, werden von den Spuren der Schlacht nicht schöner. Schön hingegen sind die Juroren des Wettbewerbs. Zwar waren die hoch gewachsenen Models keine Kunst-Sachverständigen, doch da die Zeichnenden keine Künstler waren, passten sie gut ins Programm.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs werden als Ausstellungsrelikte Teil der Installation - die 1930 geborene Künstlerin ist in ihrem Element. Mitte der sechziger Jahre erklärte Sturtevant das Kunstwerk zum Objekt und malte akribisch Bilder von Zeitgenossen wie Jasper Johns oder James Rosenquist nach. Andy Warhol übergab ihr die Siebe seiner "Flowers" für ein Duplikat, und selbst Marcel Duchamps eigene Rekonstruktion seines "Fahrrad-Rads" von 1919 griff Sturtevant für ein Remake auf - der Unterschied lag in der Signatur. Nach einem Streit um ihre Beuys-Ausstellung zog sich Sturtevant 1974 aus dem Kunstbetrieb zurück, um Mitte der Achtziger als Pionierin der "Appropriation-Art" wie Phönix aus der Asche zu steigen. Mit "a va aller" appliziert Sturtevant ihr Spiel von Schein und Sein auf gegenwärtige Zustände. Das Kunstwerk wird zum Fake, der Fußball wird vorgeführt ohne die Führung zu übernehmen, und der Sponsor wird zum Kollaborateur.

Der Pakt mit dem Teufel

Sturtevant steigert den Event zur perfiden Aktion des Infotainments. Müsste man angesichts der von Kopf bis Fuß auf Adidas eingestellten "Juroren" und der feilgebotenen Turnschuhkollektion nicht, wie Kafkas junger Galeriebesucher, das "Halt!" durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Publikums rufen? Die Vernissagegäste haben artig gemalt und gebastelt, , und die Rezensentin hat zeichnend ihren ersten Fußball gewonnen. Da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend weint er, ohne es zu wissen. Schon bei Kafka hallte das "Halt!" nur konjunktivisch. Sturtevant möchte den Betrachter sensibilisieren und die Möglichkeit eines anderen Denkens spiegeln. Doch der Pakt mit dem Teufel ist geschlossen, und nicht mal der Beelzebub vermag ihn auszutreiben.

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